Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Die Methodik des Cheders
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 550 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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SSO E. M. Lipschütz: rieht ohne Anordnung und Abstufung dargeboten wird, daher den ganzen Menschen für sich in Anspruch nimmt. Und wie die natürliche Methode im Sprachunterricht vor allem der Jugend angepaßt ist, so eignet sich die beschriebene Art und Weise des Talmudunterrichts vor allem für Kinder. Das Kind nämlich besitzt die Fähigkeit vieles aufzunehmen, ohne daß es ihm klar zum Bewußtsein kommt. Beim Erwachsenen hingegen steht das wache Bewußtsein dem Zustandekommen von unbewußten Vorstellungen hindernd im Wege. Im Kinderunterricht konnte der Cheder mit seinem Erfolge zufrieden sein. Der Lehrstoff bereitete nicht, wie man vielleicht annehmen könnte, besondere Schwierigkeiten. Ein Abschnitt, in dem der Erwachsene auf Hindernisse stieß, wurde von dem Kinde gelernt, ohne daß es solchen begegnete. Ein tüchtiger Melamed verstand es, jede Schwierigkeit durch seinen vereinfachenden Vortrag wegzuräumen. Er war imstande, jeden Abschnitt in verschiedener Weise darzustellen, je nach Art, Alter und Entwicklungsstufe des Schülers, oberflächlich und vertieft, über Schwierigkeiten hinwegtäuschend und sie aufdeckend. Ein Teil der Voraussetzungen wurde dem Anfänger überhaupt nicht erläutert, da ja anzunehmen war, daß der Schüler bei weiterem Lernen wieder zu demselben Abschnitt kommen und ihn dann genauer kennen lernen würde. In den Rabbinerseminaren in Westeuropa ist eine moderne Lehrweise eingeführt worden, die historisch-philologische Methode, die den Talmud aus seiner Zeit heraus zu erklären sucht. Sie gibt weniger den Talmud selbst, als daß sie ihn in historisches Material auflöst und als solches behandelt. Für Erwachsene, die bereits den Talmud beherrschen, mag sie wohl angebracht sein; Kenntnisse von Grund auf kann sie nicht vermitteln. In letzter Zeit ist bei einigen Gelehrten eine juristische Methode aufgekommen; auch sie lehrt den Talmud nicht um seiner selbst willen, sondern als Stoff für Rechtsgeschichte oder Rechtssystematik, d. h. sie macht nicht die Form, sondern eine Seite des Inhalts zur Hauptsache. Sie kann also wohl dazu dienen, Studierende, die bereits von früher den Talmud kennen, zu Richtern und Gesetzgebern zu erziehen, nicht aber Talmudkenner heranzubilden. Das Gemeinsame der beiden modernen Methoden ist, daß Talmudkenntnis aus ihnen nicht erwachsen kann. Die Chedermethode im Talmudunterricht ist nur auf Kinder zugeschnitten. Bei erwachsenen Anfängern wird auch sie keinen Erfolg haben, aber weder'für Kinder, noch für Erwachsene gibt es bisher eine andere besseren Erfolg versprechende Methode. In Palästina hat man sich mit dem Problem des Talmudunterrichts in modernen Schulen viel beschäftigt, aber auch ebensowenig eine Lösung gefunden. — Die beiden Lehrgegenstände des Cheders, Hebräisch, das eigentlich gar kein Gegenstand, sondern ein Lehrziel war, und Talmud, wirkten aufeinander und auf die übrigen Fächer ein. Sie bildeten den Maßstab für die Versetzung in einen höheren Cheder. Das Aufrücken geschah ohne Rücksicht auf ein bestimmtes Pensum und andere Lehrgegenstände. Sobald ein Schüler im Kleinkinder-Cheder lesen gelernt hatte, kam er in den Chumesch-Cheder, oft auch ohne daß er ausreichende Kenntnisse im Lesen erworben hatte. Das Gebetbuch diente nur als erste Leseübung. Die Kenntnis der Gebetsordnung lernte das Kind durch Teilnahme am Gemeindegottesdienst. Im Unterricht wurden also Siddur und Machsor von nun an völlig vernach-