Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Die Methodik des Cheders
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 549 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101162-3105057--3714-3105088- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Methodik des Cheders 549 erworben werden. Aber auch der Inhalt des Talmuds war beim Lernen keineswegs die Hauptsache. Mit der Hagada nahm man es sehr leicht, eigentlich mehr als zulässig. Die Halacha konnte man aus Codices lernen, aber man lernte sie im Cheder nicht einmal mit besonderem Eifer. Das Fehlen eines bestimmten Pensums zeigt deutlich, daß auf die Kenntnis des Inhalts nicht der entscheidende Wert gelegt wurde. Das Lehrziel im Talmudunterricht war vielmehr lediglich die Kenntnis der talmudischen Denkmethode. Der Schüler lernte so lange, bis er die Methode der Diskussion und den Gedankengang der Verhandlungen erfaßt, bis sein Geist alle Arten von Sugiot aufgenommen, bis er sich selbst in sie völlig eingefühlt hatte. Niemand machte ihn auf die verschiedenen Formen der Sugiot, auf allgemein Wiederkehrendes in den Diskussionen aufmerksam. Es blieb vielmehr dem Zufall überlassen, in seinem Geist Regeln zu bilden. Die Form der Sugia und der allgemeine Satz, auf die er zuerst beim Lernen stieß, wurden zuerst aufgenommen, und wenn er zu ihrer Aufnahme noch nicht genügend vorbereitet war, so blieben sie vorläufig seinem Verständnis verschlossen. Beim Weiterlernen wiederholte der Schüler die bereits bekannte Regel so oft, bis sie sich völlig eingeprägt hatte. War einmal von einer bestimmten Art von Sugiot in seinem Geiste ein falsches Abbild hervorgerufen worden, so kamen doch bald ähnliche Abschnitte und stellten den Irrtum richtig. Allmählich kamen andere Regeln und allgemein gültige Sätze zur Erkenntnis, und mit dem Anwachsen der verstandenen Regeln vertiefte sich auch das Verständnis der früher aufgenommenen. Wichtige Regeln konnten dabei kaum vernachlässigt werden. So klärte sich ganz allmählich die Denkweise des Talmuds im Geiste des Lernenden, und es bildeten sich bei jedem, je nach seiner Fassungskraft, bestimmte Begriffe von den verschiedenen Sugiot. Und gleichzeitig mit der Denkweise des Talmuds wurden auch Sprach- und Sachkenntnisse erworben. Manche Kunstworte, halachische Ausdrücke, sind ja nichts als abgekürzte Darstellungen weiter Gebiete. All dies gaben nun Lehrer und Kommentar nebenbei. Und mit der Zunahme der Kenntnisse wuchs auch das Verständnis, und mit wachsendem Verständnis mehrte sich wiederum das Wissen. Diese Lehrweise ähnelt der natürlichen Methode beim Sprachunterricht, und was gegen diese Methode einzuwenden ist, nämlich das blinde Walten des Zufalls und der Mangel an einem systematischen Aufbau, läßt sich auch gegen die behandelte Art des Talmudlernens vorbringen. Aber in. der Praxis existiert nun einmal keine andere Lehrweise, und wahrscheinlich wird auch keine andere gefunden werden; denn wie wir gesehen haben, lassen sich die Schwierigkeiten, die sich aus dem gegenseitigen Verhältnis der drei verschiedenen Seiten des Talmudstudiums ergeben, nicht anders lösen. Der Hauptmangel dieser Lehrweise besteht darin, daß nur dauerndes Lernen einen Erfolg verbürgt; denn nur dann kann man sich darauf verlassen, jdaß der Schüler wirklich die meisten Formen der Sugiot und die Regeln erkennt und sich zu eigen macht. Die Quantität bildet hier die Qualität. Das gründlichste Studium einer Talmudseite mit allen Hilfsmitteln, mit historischen Kommentaren usw. kann nicht das leisten, was zwanzig Seiten einfachen kursorischen Lernens vermögen. Diese Lehrweise läßt sich nun nicht in Einklang bringen mit den Methoden einer modernen Schule, mit festem Stundenplan und vielen Lehrfächern. Auch in der modernen Schule haben die meisten Lehrgegenstände formalen Charakter, aber alle werden in methodischem Aufbau gegeben, während der Talmudunter-