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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 12 · p. 547

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 12
Article
Die Methodik des Cheders
Date
1919-01-01
Page
547 (sequence 6)
Language
German
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Die Methodik des Cheders 547 Stellung, nur um ihrer selbst willen; dennoch wurde sie wesentlich mitbestimmend für den formalen Charakter des Cheders. Die Befähigung zum Verständnis der hebräischen Quellen wurde allgemein zum Maßstab. Alles, was nicht zu diesem Ziel hinführte, wurde verdrängt. Die selbstverständliche Voraussetzung für diese Methode ist das ständige jahrelange Studium der klassischen Werke. Da nun die Erfahrung lehrte, daß sowohl in sprachlicher wie inhaltlicher Hinsicht erst der Talmud alle hebräischen Quellen erschloß, so wurde dieser zum Hauptgegenstand des Cheders. In ihm spricht sich das besondere formale Wesen der Unterrichtsmethode am klarsten aus. Das Lehrziel des Talmudstudiums war die Übertragung seines Geistes auf den Lernenden. Nicht aus praktischen Gründen, nicht um Gesetze oder Riten aus ihm zu lernen, wurde er studiert, denn in späterer Zeit war man gar nicht berechtigt, allein aus der Gemara zu entscheiden. Vielmehr kam es darauf an, in sein Wesen einzudringen, Fähigkeit zu selbständigem Studium und Gewandtheit im Gebrauch seiner Kommentare zu erlangen. Ein festgesetztes Pensum gab es hier nicht, nur ein fortschreitendes Sich-Einfühlen in seine Gedankenwelt. Der Talmudunterricht für Schüler ist ein schwieriges pädagogisches Problem. Es kommen nämlich dreierlei Dinge im Talmud für den Unterricht in Betracht: die Sprache, der Inhalt und die Denkmethode. Die knappe, auf das Wesentliche zugespitzte Sprache des Talmuds, das eigenartige Mischna-Hebräisch, das jüdische Aramäisch und das Gemisch aus beiden, all dies erfordert bis zum völligen Verstehen intensives Lernen. Wer aber nur die Sprache kennt, hat damit noch nicht viel gewonnen. Es fehlt ihm die Beziehung zum Stoff. Der vielseitige Inhalt des Talmuds, der alle Formen des Lebens wiedergibt, liegt in den Büchern der Dezisoren jedes Zeitalters geordnet vor. Das größte* und schönste dieser Werke sind wohl die 14 Bücher des Maimonides, in denen alles nach Abschnitten, Lehrsätzen und Paragraphen wohl gegliedert ist. Hier ist alles für den Lernenden bereit gestellt, und nichts fehlt — nur das eigentlich Talmudische. Wer alle Einzelheiten der Lehrsätze kennt und lernt, dem ist doch der Talmud selbst damit noch nicht erschlossen. Es gibt kaum einen Talmudabschnitt, der nicht die Kenntnisse wichtiger halachischer Gebiete erfordert, kein Blatt, auf dem man nicht sprachlichen Schwierigkeiten begegnet, das Wesentliche aber ist dies nicht. Die Hauptsache ist vielmehr die Kenntnis der talmudischen Lehrweise, d. h. die Form der talmudischen Wirklichkeit, die Art der talmudischen Diskussion, der talmudische Gedankengang. Nur wer auf diesen Wegen des Talmuds Bescheid weiß, kann die verschlungenen Pfade seines Zaubergartens betreten; nur wer die Grammatik des talmudischen Denkens beherrscht, kann seine Sprachkenntnisse anwenden und vom Ausgesprochenen auf das Unausgesprochene schließen; er allein kann in die Schächte der Diskussion hinuntersteigen und nach dem Golde der Halacha schürfen. Nur ihm allein wird die Kenntnis des Inhalts das Verständnis erleichtern. Die talmudische Methode kann in einzelne wohl ausgesprochene Regeln gefaßt werden. Sie könnte durch einen nachschaffenden Geist in der großen Schöpfung einer „Einleitung" in den Talmud zusammengefaßt werden. Aber auch diese Regeln werden für den, der sie nicht mit Inhalt zu erfüllen vermag, leer sein. Nur ständige Anwendung der Beispiele führt zur Aneignung dieser Regeln, nicht als Abstraktion, sondern auf Grund ihrer Entstehung, ganz erfüllt von talmudischem Inhalt. Und wenn der Geist des Lernenden diese Regeln aufnimmt, wenn sie in 35*

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