Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Die Methodik des Cheders
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 546 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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546 E. M. Lipschütz: setzbar ist. Einige moderne Pädagogen sind im Unterricht fremder Sprachen zu einer ähnlichen Methodik gelangt. Obwohl nun der Cheder Hebräisch als Sprache nicht lehrte, so war dennoch dessen Kenntnis eins der wesentlichsten Ziele des Unterrichts. Einem Juden, der nicht Hebräisch verstand, war die Literatur ein Buch mit sieben Siegeln. Von der Welt des Judentums war er abgesperrt. Sogar die Kenntnis der im Cheder gelehrten Texte galt nicht als sicher fundiert, wenn nicht völlige Beherrschung der Sprache damit Hand in Hand ging. Die Quellen wurden im Cheder in der Übersetzung gelernt, und die Kenntnis der Übersetzung allein ist kein bleibendes Besitztum. Solange der Schüler die Sprache nicht beherrscht, ist er auf ständige Wiederholung der Übersetzung angewiesen, bedarf dauernd eines Lehrers und Helfers. So wurde die intensive Kenntnis der hebräischen Sprache zur Grundforderung des Cheders. Das Einprägen von Bibelversen genügt aber nicht, diese gründliche Kenntnis der Sprache zu vermitteln. Da das Hebräische in nachbiblischer Zeit noch zahlreiche Perioden durchgemacht hat, kann die Sprache der Bibel nicht der Schlüssel zur gesamten jüdischen Literatur sein. Selbst ihr eigner Wortschatz ist in dem begrenzten Gebiet nicht zu völliger Entwicklung gelangt. Sogar die Bibelkommentare wird niemand verstehen, der die Bibel allein kennt. Nur wer so weit vorgeschritten ist, daß eir selbständig Talmud lernen kann, bringt es zur wahren Beherrschung des Hebräischen. Die ganze nachtalmudische Literatur ist von der Sprache des Talmuds wie von seinem Inhalt abhängig. Daher besaß nur ein Schüler, der auch Talmud gelernt hatte, das Rüstzeug für das Verständnis der gesamten hebräischen Literatur. Ohne weiteres konnte er dann Siddur und Machsor, Bibelkommentare und Dezisoren, Moral- und Predigtbücher, wissenschaftliche Werke und Pilpul lesen. Die Schlüssel waren in seiner Hand, und die Hallen der Literatur erschlossen sich ihm. War nun das Hebräische kein besonderer Lehrgegenstand des Cheders, so wurde dort jedoch auch keine andere Sprache gelehrt. Alles, was im Cheder gelernt wurde, war rein hebräisch. Dies sei gegen diejenigen gesagt, die die Übersetzungsmethode des Cheders so auslegen wollen, als ob die hebräischen Lehrgegenstände nur Fächer im Cheder gewesen seien, während als eigentliche Unterrichtssprache das Jüdisch-Deutsche anzusehen sei. Gewiß wurden die Texte übersetzt, aber diese Übersetzung beschränkte sich auf ein geringes Maß und überschritt nie die Grenzen ihrer eigentlichen Aufgabe, so daß sie keine Scheidewand zwischen dem Lernenden und dem Gelernten aufrichtete. Das Jüdisch- Deutsche an sich war in seinem Sprachgebrauch hebraisiert, zahlreiche hebräische Wörter waren in ihm lebendig, und die im Cheder übliche Übersetzung übertrug Wort für Wort, ohne etwas an der hebräischen Wortfolge zu ändern. Die Übersetzung der Thora trug in hohem Maße dazu bei, dem Jüdisch-Deutschen hebräischen Geist einzuflößen, es überhaupt jüdisch zu machen. Die volle Übersetzung eines Bibelverses war im Cheder nur zu Beginn des Unterrichts üblich, später machte man sich davon frei, und nur schwierigere Wörter wurden noch übertragen. Im Talmudunterricht war eine völlige Übersetzung so gut wie gar nicht üblich. Die der talmudischen Terminologie entnommenen Floskeln, die in die Umgangssprache eingedrungen waren, wurden selbstverständlich überhaupt unübersetzt gelassen. Die Aneignung des Hebräischen auf dem Wege über die Fächer war das eigentliche Resultat des ganzen Chederunterrichts. Sie erfolgte ohne besondere Ein-