Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Die Methodik des Cheders
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 545 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Methodik des Cheders 545 den Ausschlag. Man kümmerte sich nicht um das Alter des Schülers, nicht um die Lernzeit, die hinter ihm lag, nicht um das Pensum, das er bewältigt hatte, nur sein Können, seine Fähigkeit entschied. Im Cheder, der ursprünglich das materiale Prinzip so stark betont hatte, wurde von nun an der Lehrgegenstand dem Lehrziel völlig geopfert. Die Mischung zwischen den beiden Unterrichtsweisen drückte dem ganzen Lehrbetrieb ihren Stempel auf, am deutlichsten kam sie zum Ausdruck bei der Aneignung des Hebräischen und dem Studium des Talmuds. Der Cheder lehrte bestimmte in hebräischer Sprache geschriebene Texte. Diese Sprache als solche aber wurde nicht im Cheder gelehrt, vielmehr erwuchs ihre Kenntnis aus der der Quellen, in ähnlicher Weise, wie das Erlernen der Muttersprache beim Kinde vor sich geht. Niemand bietet diesem den Sprachstoff in graduell ansteigender Anordnung dar, grammatische Regeln werden ihm nicht, gegeben. Vielmehr redet man mit dem Kinde über alles, was gerade notwendig ist, es hört die Gespräche der Erwachsenen und nimmt daraus einzelne Wortkomplexe auf. Eine gewisse natürliche Anordnung kommt dabei trotzdem zustande, denn der Grad seines Verständnisses läßt das Kind eine Auswahl unter den Wörtern treffen. Was dabei nicht erfaßt wird, bleibt nicht haften. Vor allem aber waltet hier der Zufall: Häufigkeit oder Seltenheit des Gebrauchs, ein zufälliger Eindruck des Wortes, die Stimme, , das Individuum und die Zeit sind dabei entscheidende Faktoren. Ebenso bilden sich grammatische Regeln aus dem Sprachgebrauch heraus von selbst in der Vorstellung des Kindes und werden zu psychischen Kategorien, die unbewußt das Seelenleben beeinflussen. Auch bei Bildung dieser Regeln erweist sich die Wiederholung des gesamten Sprachstoffes als der Hauptfaktor. Bürgschaft und Sicherheit für die richtige Auffassung der Regeln sind keineswegs gegeben, namentlich dann nicht, wenn die Schriftsprache des Volkes wesentlich von seiner Umgangssprache abweicht. Der grammatische Unterricht in der Schule ist daher dazu berufen, die sprachlichen Sünden der Umgebung wieder gut zu machen, die bereits im Geist gebildeten Regeln zu erläutern und den Sprachstoff in klassische Normen zu bringen. Die „natürliche" oder Sprechmethode im Unterricht fremder Sprachen geht denselben Weg. Es ist dies die sogenannte Berlitzmettrode, bei uns unter dem Namen „ivrit be'ivrit" bekannt. Sie führt dem Schüler die Sprache ohne Übersetzung, lediglich in Gesprächen und Unterhaltungen vor; eine Ordnung wird höchstens insoweit vorgenommen, als eine gewisse Auswahl im Sprachstoff getroffen wird. Im Cheder herrschte zwar die Übersetzungsmethode, dabei aber war doch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem natürlichen Prozeß beim Erlernen der Muttersprache unverkennbar. Auch hier fehlte es nämlich an einer systematischen Anordnung von Vokabeln und grammatischen Regeln, wie ja überhaupt die Sprache als solche nicht gelehrt wurde. Vielmehr wurde das Kind mitten in die Texte Hineingeführt. Anscheinend wurde damit nur die Kenntnis des Inhalts vermittelt, es bestand aber doch die Voraussetzung, daß gleichzeitig eine mechanische Aufnahme von Wörtern und selbsttätige Bildung von Regeln erfolgen würde. Die Wörter wurden nicht isoliert, sondern in dem durch den Bibelvers gebotenen Zusammenhang aufgenommen, mit der dadurch bedingten Gefühlsbetonung, mit allen Nuancen ihrer Bedeutungen, mit all dem, was unerklärbar und unüber- Heft zz. oc