Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Die Methodik des Cheders
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 544 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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544 E. M. Lipschütz: wurde täglich eine bestimmte Anzahl von Schriftversen gemeinsam auswendig gelernt, oder jeder Schüler lernte einen Schriftvers aus dem am Tage behandelten Abschnitt. Wenn das Kind aus der Schule kam, pflegten die Vorübergehenden ihm zuzurufen: „Sag deinen Spruch her!" Und das von dem Kinde gesagte Schriftwort galt dann als eine Art Prophezeiung. In der Talmudschule wurde die Mischna bis zum Abschluß aller 6 Ordnungen auswendig gelernt. Die einzelnen Lehrsätze wurden besonders zum Zweck des Lernens ohne Erklärung und Vertiefung, kurz ohne „Talmud", gegeben. „Wer eine Halacha aus der Mischna ableitet, der zerstört die Welt" (Sota 22 a). In diesen beiden Schulen war also Auswendiglernen, Einprägen und mündliches Wissen die Hauptsache. Die hebräische Schriftsprache war den Kindern damals noch nicht fremd. Die Gelehrten machten es dem Vater zur Pflicht, mit dem Kinde, sobald es Vater und Mutter sagen konnte, in der „heiligen Sprache" zu reden. Das Hebräische war in den Schulen gewissermaßen die „Vatersprache", die „Muttersprache" hingegen, das Aramäische, war ein ihm verwandtes Idiom und zumal in dem jüdischen Dialekt eigentlich eine Mischsprache mit vielen hebräischen Bestandteilen. Es ist anzunehmen, daß die Bibel den Kindern ins Aramäische übersetzt wurde; die Mischna dagegen trug man nur im Wortlaut vor, bis sie den Schülern geläufig war. Nach der Absolvierung der Talmudschule kamen die Kinder ins Lehrhaus {Bet hamidrasch). Dort beschäftigte man sich mit dem „Talmud", d. h* mit der Erklärung der Mischna, und zwar so eingehend, bis jede Unklarheit aufgehellt, jede Schwierigkeit beseitigt war und kein Einwand mehr erhoben werden konnte. Die Lehrweise im Bet hamidrasch hatte rein formalen Charakter, es kam nur auf Befähigung und geistige Vervollkommnung an. Zwar gab es auch hier unter den Erwachsenen Vielwisser, die das Auswendiglernen der Mischnajot und Baraitot in der richtigen Reihenfolge als unverrückbaren Grundsatz aufstellten und andere Scharfsinnige, denen hauptsächlich an der Vertiefung in die Materie lag, aber diese dürfen wohl als Ausnahmen angesehen werden. Das Bet hassefer und das Bet talmud der Tannaiten und Amoräer sind die Ahnen des mittelalterlichen und des heutigen Cheders, und ihnen entstammt das hier herrschende starke materiale Element. Im Cheder gab es keine gekürzten Ausgaben und für Schüler bearbeitete Lehrbücher, man benutzte keine Lesebücher, zu denen man später nie wieder greift, sondern man lernte nur aus jenen Büchern, die selbst das Ziel des Wissens darstellen. Der Knabe wußte, daß er aus ihnen auch als Erwachsener lernen würde. Ihr Studium war Pflicht und ihre Kenntnis religiöses Gebot, sie waren sowohl Ziel des Lernens, als auch Mittel und Weg zum Ziel. Ihr Inhalt mußte also gewiß im Gedächtnis haften und immer von neuem eingeprägt werden. Dies bedingte somit eine stark materiale Lehrweise. Aber ins Cheder drang der Talmud ein und richtete dort seine Herrschaft auf, und mit ihm hielt auch das Formale seinen Einzug. Das Bet hamidrasch dehnte seine Grenzen auf Kosten des Bet hassefer aus, und so wurde der Cheder in seinem Geist und in seiner Methodik fast zu einem Bet hamidrasch. Das feste Pensum verschwand. Es kam nicht mehr darauf an, wieviel Bibelabschnitte oder Talmudseiten der Schüler gelesen haben mußte, um von einer Klasse in die nächst höhere aufzusteigen, sondern allein die Befähigung, mit den Schülern der höheren Klasse zusammen lernen zu können, gab