Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Die Methodik des Cheders
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 543 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Methodik des Cheders 543 das profane Leben erforderte sie zu seinem Verständnis; man bedurfte ihrer zur Lektüre eines Buches, wie zur Anteilnahme an einem Gespräch. Kenntnis der Thora war somit Kenntnis des Lebens. Der Cheder gab also den Kindern das, was den Juden zum Juden machte. Dieses rein Jüdische des Cheders ist das Hauptprinzip in seinem Aufbau. Wird ihm diese Grundlage genommen, so verliert er seine Eigenart als Cheder. Der Cheder war ein Teil des jüdischen Lebens. Er bildete für die Kleinen das, was das Lehrhaus (Bet hamidrasch) für die Großen war. Zwischen beiden Instituten bestand nur ein gradueller, kein Wesensunterschied. Lehrstoff und Lehrmethode waren beiden gemeinsam. Das Leben im Cheder entsprach dem Leben der Juden im Hause und im Bet hamidrasch. Die Thora lernte man, die Gebote tebte man im Cheder. Die Kinder standen also innerhalb der Gemeinde, diese sah in ihrer Erziehung eine ihrer wesentlichsten Angelegenheiten und unterstützte den Cheder in der Erfüllung seiner Aufgabe. Die Thora, die im Cheder gelehrt wurde, verlieh ihren Jüngern Machtstellung, Ansehen und soziale Vorrechte in der Gemeinde. Das Kind war täglich Zeuge der liebevollen Verehrung, die seine ganze Umgebung der Thora entgegenbrachte. Sie stand im Mittelpunkte der Unterhaltung der Erwachsenen, selbst bei den Mahlzeiten. Mitunter war es dem Kinde schon möglich, der Diskussion bis zu einem gewissen Grade zu folgen; wenn sie sich nämlich auf ein ihm schon bekanntes Stück aus dem Talmud oder einen bereits gelesenen Thoraabschnitt bezog. Saß es im Lehrhause mit den Großen zusammen an einem Tisch, so lernte es wie sie Chumesch und Raschi, Mischna und Gemara, und nichts trennte sie als der Grad des Verständnisses. — Für die Eigenart einer Schule charakteristisch ist vor allem die Rolle, die das formale und das materiale Prinzip in Lehrgegenständen und Unterrichtsmethodik spielen. Bei der erstgenannten Lehrweise werden die Lehrfächer nur als Mittel zur Vervollkommnung des Geistes betrachtet, die Befähigung zum Lernen ist also hier die Hauptsache. Bei der materialen Methode dagegen bildet der Stoff, seine Aneignung und Einprägung, Wesen und Ziel des Unterrichts. Esgibt hier also ein bestimmtes Maß von Wissen, ein Pensum, das die Weihe des Schulbetriebs empfangen hat, und das der Schüler beim Verlassen der Anstalt bewältigt haben muß. Bei der formalen Lehrweise dagegen kommt es auf ein bestimmtes Maß von Kenntnissen nicht an, und einem Schüler, der zum Verständnis gelangt ist, werden wegen noch nicht erledigter Pensen keine Hindernisse in den Weg gelegt. Heutzutage gibt es keine Schule, die nur eins von diesen beiden Prinzipien allein vertritt. Im allgemeinen ist zwar die Entwicklung der Fähigkeiten die Hauptsache; aber dabei wird doch ein bestimmtes Pensum als Ziel gesetzt, und außerdem gibt es viele Lehrgegenstände, bei denen Verständnis und Auffassungsgabe nicht von der Aneignung von Kenntnissen befreien. Das Bet hassefer der Tannaim, in dem der Kinderlehrer (Sofer) „das Buch", die Bibel, lehrte, und das Bet Talmud, in dem der Mischnalehrer den Knaben die Mischna vortrug, hatten ein fest begrenztes Pensum. Es herrschte in ihnen also die materiale Lehrweise. Das Ziel des Bet hassefer war die Aneignung der 5 Bücher der Thora oder der 24 Bücher der heiligen Schrift und der von Geschlecht zu Geschlecht überlieferten Soferimlesung („mikra soferim") in den damals noch jeder Vokalisation entbehrenden Texten. Zu diesem Zwecke