Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Zur Frage der Reproduktivierung
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 541 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Frage der Reproduktiv!erung der jüdischen Jugendgruppen in allen Ländern, durch kooperativen Zusammenschluß in Farmen, Schrebergärten, Werkstätten usw. zu einer richtigen Einstellung in das jüdische Wirtschaftsleben zu gelangen, erzieherisch von so ungeheurer Bedeutung und sollten wirtschaftlich in ausgedehntestem Maße gefördert werden. Hält sie wahrhaftiger erziehender Eros und nicht Desperadostimmung oder unbestimmte Sehnsucht nach einem ,,neuen Leben" zusammen, dann verleiht gerade dieses überwirtschaftliche Moment ihnen eine große wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit. Es ist ihr und des jüdischen Volkes Unglück, daß sie zumeist unter wirtschaftlichen Auspizien unternommen werden, die notwendig zum Mißlingen führen müssen. Es wurde gesagt, daß die erzieherische Arbeit bedeutende Menschen erfordere. Dieses Allgemeinurteil muß dahin richtiggestellt werden, daß sie bedeutende Wirtschaftserzieher brauche, Wirtschaftserziehung bezeichnet eine Aufgabe, die bisnun in den verschiedensten Berufen nebenher gelöst wurde. Eine Wirtschaftserziehung, die ihrem Namen gerecht wird, konnten die europäischen Völker nicht versuchen, da eine Erziehung zur Anarchie, zum schrankenlosen Egoismus, zur rücksichtslosen Ausbeutung zwar vielleicht nicht prinzipiell verabscheut, aber sicher ihrer gefährlichen Folgen auf die unterdrückten Massen wegen gefürchtet worden wäre; und da jeder Versuch einer Erziehung zu einem anderen Ziel als zu dem bestehenden Zustand sozialistischer Propaganda allzu ähnlich geworden wäre, wurde er gänzlich unterlassen, wurden die Sozialwissenschaften zu einem Gute, das erst den durch humanistische" Bildung gänzlich verschrobenen Angehörigen der höheren Stände zuteil wird. Und die Art dieses Wissenschaftsbetriebes sorgt schon dafür, daß das Wissen dem wirklichen Lebensablauf fernbleibt. Doch die europäischen Völker leben, produzieren wenigstens, wie aber das jüdische Volk? Eine jüdische Wirtschaftserziehung muß sich von der Erkenntnis leiten lassen, daß dem jüdischen Volke als Ganzem ein persönliches Verhältnis zur Produktion mangelt. Sie muß wissen, daß dieser Mangel ein historisch gewordener psychischer ist, dem durch intellektuelle Einsicht, wie sie Belehrung erzeugen vermag, allein nicht abgeholfen werden kann. Sie darf sich nicht verhehlen, daß eine Erziehung zum gegenwärtigen Stand der Produktionsverhältnisse aussichtslos ist und daß es ihre Aufgabe ist, zu seiner Überwindung anzuweisen. Aber Überwindung setzt Erfassung und Beherrschung voraus und davon ist das heutige Judentum noch weit entfernt. Es gilt vorerst, die primitivsten hygienischen und ökonomischen Begriffe, die ein rationelles Wirtschaften überhaupt erst ermöglichen, in Kreise zu tragen, die gegen Hygiene und Ökonomie affektiv eingestellt sind und sie, sofern sie bei Hilfeleistungen gefordert werden, als überflüssige Vexationen empfinden. Es gilt weiter, die Notwendigkeit sinnvoller Kooperation und Arbeitsteilung in Wort, Bild und Schrift überzeugend darzustellen. Es gilt schließlich, Uranschauungen von sozialer Gerechtigkeit, von Wertlosigkeit der Geldansammlung, von Schätzung der stofflichen Arbeit wieder zu erwecken. Ich kann es mir versagen, an diesem Orte über die wirtschaftlichen Erziehungsmaßnahmen für Jugend und Erwachsenheit ausführlich zu werden. Was der Jugend an Hilfen für diese Erziehung wie für jede andere not tut, hat Siegfried Bernfeld*) überzeugend dargelegt, für die Art des Wirtschaftens der jüdischen Gemeinschaft überhaupt hat Siegfried Lehmann**) manche wertvolle Anregung gegeben. An *) Siegfried Bernfeld: Das jüdische Volk und seine Jugend. Wien 1918. **) Siegfried Lehmann: Über die Grundlagen eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina. „Der Jude" III. S. uff.