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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 12 · p. 540

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 12
Article
Zur Frage der Reproduktivierung
Date
1919-01-01
Page
540 (sequence 12)
Language
German
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540 Erwin Kohn: thropen selbst erweisen müssen, zurückschreckt. Auf andere Weise wäre ja auch nicht erklärlich, daß Unsummen für den Konsum verschenkt werden, wo ein Bruchteil zur Produktivierung der Almosenempfänger genügen würde. Hier tritt die Verderblichkeit des Prinzips der „Hpis" zutage, die in gotterfüllter Gemeinschaft sinnvolles Tun sein mochte, in der gottverlassenen Gesellschaft von heute aber widerliche Wohltäterei geworden ist. Nichts ist hiefür bezeichnender als der Umstand, daß das persönliche Geben (das auch immer als Abgabe aufgefaßt wurde), das den intimen Reiz der HplH von früher bildete, heute allgemein als peinlich empfunden und von einer Almosenbürokratie abgelöst wird. Die Frage, woher die Mittel zur Anwendung technischer Beihilfen der Produktivierung genommen werden sollen, muß also offen gelassen werden. Ihre befriedigende Lösung dürfte erst mit einer Gesamtvertretung des Judentums kommen, die ein auf freiwillige Steuern aufgebautes Budget für Gesamtangelegenheiten des Judentums decken kann. Von dieser Schwierigkeit ist die rein erzieherische Arbeit am Produktivierungsprozesse befreit. Sie erfordert relativ unbedeutende Kapitalien, deren Herkunft ziemlich gleichgültig ist, da sie nicht zu unmittelbaren Wirtschaftszwecken verwendet werden, sie braucht dagegen bedeutende Menschen. Der Rahmen, in dem sie sich abspielt, muß nach den verschiedenen sozialen Kreisen, nach Altersstufen, nach Gegenden verschieden sein. Für Kindheit und Jugend ist er durch das nationale Schulwesen, in der Gegenwart durch dessen Ersatzbildungen, die Jugendorganisationen (die nur als solche bewertet werden dürften) gegeten. Die Erwachsenheit im Westen scheidet, als Masse betrachtet, aus dieser Betrachtung gänzlich aus, der ostjüdischen wäre wohl am besten durch Volksheim und Settlement zu helfen. Die Institutionen für Erwachsene werden immer entweder mit allgemeiner sozialer Fürsorge oder mit spezieller Wirtschaftshilfe konfundiert sein müssen, bei der das rein Erzieherische zwar integrierend, aber äußerlich nicht erkennbar ist. Die Scheu und der Widerwille gegen Reglementierung von außen, noch dazu von halben „Gojim", die der ostjüdischen Masse eigen und nach den gemachten Erfahrungen mit gutem Grunde eigen ist, kann nur durch tätige Hilfe langsam überwunden werden. Die Wirkungen einer solchen erzieherischen Arbeit sind nicht leicht vorauszubestimmen. Es hängt alles davon ab, ob eine weitverzweigte, wohldurchdachte, systemisierte Arbeit begonnen werden kann oder alle Untersuchungen auf diesem Gebiete zufälligen günstigen Konstellationen ihre Entstehung verdanken werden. Arbeit der ersten Art wäre ein beispielloses Novum im Judentum und ihr Erfolg deshalb unberechenbar, sie ist aber in der großen Gefahr, eben durch die Systemisierung veräußerlicht zu werden. Das gilt besonders für die Erziehungsarbeit unter Erwachsenen; die Jugendarbeit ist ihr nur dann ausgesetzt, wenn sie die inhaltslosen Formen des europäischen Erziehungswesens kopieren will. So notwendig die Systemisierung ist, so sehr muß man bemüht sein, durch das System nicht den Geist zu vertreiben, muß wissen, daß Entscheidendes nur aus einem persönlichen Wirken werden kann, das gerade aus der unsystemisierbaren Einzigartigkeit seine Gewalt schöpft. Diese Wahrheit erfaßt und verfochten zu haben, ist das Verdienst der Jugendbewegung, ihr tragischer Fehler der, daß sie auf ihr als einziger Grundlage das Leben, auch das der Erwachsenheit, aufbauen, die Formen der Jugend über ihre natürlichen Grenzen hinaus erhalten wollte. Der Erziehungsinhalt der Produktivierung, Herstellung eines richtigen Verhältnisses zur Arbeit, Erweckung einer Arbeitsgesinnung (nicht Werkheiligkeit!) ist nun allerdings so sachlicher Natur, daß er schwerlich durch Überwertung des Persönlichen Schaden leiden kanm Deshalb sind die Versuche

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