Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Zur Frage der Reproduktivierung
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 542 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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542 E. M. Lipschütz: Forderungen ist auf diesem Gebiete anscheinend genug getan, an praktischen Durchführungsversuchen ist auch hier Mangel — nicht so sehr, weil die Mittel nicht ausreichen, als deshalb, weil die gesamte jüdische Arbeit unter dem Banne von Politik und Presse geschieht, rein wirtschaftliche und erzieherische Arbeit aber Stille, Bescheidenheit, Resignation, Widerstandsfähigkeit gegen Mißerfolge, gegen Anfeindungen aus eigenem und fremdem Lager erheischt. Die Hoffnungen, daß die Arbeit an der Produktivierung von wesentlichem Einfluß auf die Gesamtlage des Judentums sein wird, sind gering. Sie bleibt aber als Versuch von ungeheurer Bedeutung und als Symptom einer beginnenden jüdischen Wirtschaft, die nicht ganzlich vom Augenblick bestimmt ist, sondern sich letztlich nach den Notwendigkeiten der Zukunft der Nation richtet. Die Arbeit an der Produktivierung wird gegenwärtig viel verketzert, besonders dann, wenn sie sich der Wissenschaft als Rüstzeug bedient. Es ergeht ihr, wie allen neuen nationalen Forderungen, die ein Tun und nicht ein Proklamieren voraussetzen. Wenn aber diesem Tun „Bruch der Tradition", „Überhastung", „Radikalismus" vorgeworfen wird, so gilt der Schluß der Mischna Berakot: „Sie brachen dein Gesetz, weil es Zeit war, für Jahwe zu handeln." Wien Erwin Kohn DIE METHODIK DES CHEDERS Alle Schulen der ganzen Welt stimmen in ihrem allgemeinen Lehrziel überein: . sie wollen die geistigen Güter des Volkes dem heranwachsenden Geschlecht überliefern, das kulturelle Erbe der Väter an die Kinder weitergeben, ihnen die Kenntnisse vermitteln, die die Gemeinschaft als allgemeine Bildung von ihren Angehörigen verlangt, um mit ihrer Hilfe dem Einzelnen den Stempel ihres Geistes aufzudrücken. Der Cheder konnte also seine Aufgabe nur darin erblicken, Israels Kindern die Thora zu übermitteln; denn sie war es, die die allgemeine Bildung des jüdischen Volkes darstellte. Ohne sie konnte niemand in der jüdischen Gemeinschaft existieren. Wie überall gab es auch im Cheder eine Abstufung der überlieferten Bildung. Der Elementarunterricht vermittelte die Kenntnis des hebräischen Lesens, der Gebete und ihrer Anordnung im Gemeindegottesdienst. Wer dieses Ziel nicht erreichen konnte, galt als „grober Mensch", er wurde nicht einmal als „Amhaarez" angesehen. Das nächst Höhere war die Kenntnis des Pentateuchs mit dem Raschikommentar und das Verständnis einiger Mischnaabschnitte in Verbindung mit der Fähigkeit, ein hebräisches Buch zu lesen. Dies galt als erwünschtes Maß einer allgemeinen Volksbildung. Darüber erhob sich die Bildung des Thorajüngers (ben thora) und des Gelehrten. Ihr Ziel war der Talmud. Dieser bildete die Krönung des Lehrgebäudes. Die Forderung dieser Kenntnisse erwuchs organisch aus dem Leben unserer Väter, denn Thora und Gebote bildeten die Grundlagen ihrer bürgerlichen Ordnung. Der Talmud als Fundament des jüdischen Rechts war die Richtschnur des jüdischen Lebens. Die Dezisoren (Posekim) entschieden über Lebens- und Besitzverhältnisse des Einzelnen. Die gesamte Literatur war nur Talmudkennern zugänglich. Die Notwendigkeit dieser Kenntnisse beschränkte sich also nicht etwa auf die Synagoge, sondern auch