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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 12 · p. 539

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 12
Article
Zur Frage der Reproduktivierung
Date
1919-01-01
Page
539 (sequence 11)
Language
German
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Zur Frage der Reproduktivierung 539 genommen wird, sondern der selbständige Kleinsiedler oder der genossenschaftliche Landarbeiter. Die Industriearbeit in ihrer heutigen Gestalt wird größere Mengen von Juden nicht dauernd fesseln können. Der psychische Widerstand gegen die schein-kooperative Arbeitsweise, die Unmöglichkeit, die eigentlichen „jüdischen" Qualitäten zur Geltung zu bringen, bilden Schwierigkeiten, die nur entsetzlichste Not für kurze Zeit überwinden kann. Auch die Siedlungsideologie, die Rückkehr zur Natur, der eigene Besitz, Momente, die, wie wir bereits gesehen haben, bei den verschiedenen Gruppen treibend sind, die sich der Landarbeit zuwenden wollen, können hier nicht wirken. Die Aussicht auf qualifizierte jüdische Industriearbeit ist also für die nächste Zukunft gering. Ihre Förderung ist nicht möglich, kann aber unter den gegenwärtigen sozialen Verhältnissen nicht einmal so erwünscht sein. Einzelne technisch Begabte werden auch ohne andere Beihilfe ihren Weg zum Hilfsarbeiter, Unterbeamten, Werkführer u. dgl. machen. Die Übrigen weiden fluktuierende Erscheinungen bleiben. Von einer rationellen Lösung der Frage der Industriearbeit, der genossenschaftlichen Fabrik, besser Großwerkstätte, ist man heute noch sehr weit entfernt; für die jüdische Industriearbeit mit ihren technisch zum großen Teil unbegabten, daher au6h uninteressierten, dafür kaufmännisch um so achtsameren Arbeitern, ist diese Lösung vorläufig vollends unmöglich. Das jüdische Kapital will sich der jüdischen Arbeit selbst auf gebräuchlichem Wege nur ungern bedienen und das, im Interesse des Kapitalismus, mit gutem Grund; zu „Experimenten", fänden sie wo immer statt, wird es gewiß nicht bereit sein. Die „Nationalwerkstätten" wiederum sind an und für sich bedenklich, da sie die Gefahr des Staatskapitalismus und damit der Diskreditierung gemeinwirtschaftlicher Unternehmnngen in sich bergen, in unserem Falle um so mehr, als nicht einmal für eine rationelle ländliche gemeinwirtschaftliche Kolonisation irgendwo genügend Mittel zur Verfügung stehen. So gewiß es ist, daß die meisten der technischen Maßnahmen zur Produktivierung von zionistischer (wenn auch nicht offiziös-zionistischer) Seite ausgehen werden, sofern solche überhaupt getroffen werden, so notwendig ist es doch, daß sie nicht allein im Hinblick auf Erez Israel, seine augenblicklichen Bedürfnisse und seine politische Situation, geschehen, sondern mit Rücksicht auf alle Länder, wo Juden siedeln oder siedeln können. Produktives Judentum ist nicht allein Erez Israel notwendig, es schafft auch in vielen Ländern der Galuth erst die Bedingungen für Weiterexistenz des Judentums als Volkskörper, also als Massensiedlung. Jüdische Handwerks- und Industriezentren sind in Osteuropa durchaus denkbar, jüdische Landsiedlungen werden vielleicht im bolschewistischen Rußland, gewiß aber in ausgedehntem Maße in dünn beiedelten Teilen Amerikas möglich sein, abgesehen von den bäuerlichen Niederlassungen, die sich allenthalben um genügend große Lehrfarmen herum entwickeln können. (Die Lehrfarm der ICA in Slobodka- Leszina hätte vielleicht eine solche Entwicklung unter verständnisvoller Leitung nehmen können.) Der gesamten technischen Arbeit ist gemein, daß sie nur unter dem Aufwände bedeutender Mittel unternommen werden kann und daß die Personen und Organisationen, die diese Mittel besitzen, das nationale und sozialethische Prinzip höher als das Streben nach Rentabilität schätzen müßten, durch das sie in ihren Besitz gelangt sind. Philanthropie allein kann hier nichts bewirken, da sie naturgemäß vor Eingriffen in das Wirtschaftsleben, die sich letzten Endes als Schädigung der Philan-

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