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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 12 · p. 538

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 12
Article
Zur Frage der Reproduktivierung
Date
1919-01-01
Page
538 (sequence 10)
Language
German
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538 Erwin Kohn: Die technische Arbeit muß sich durch den Grundsatz leiten lassen, daß die Entwicklung der Produktion nach den Richtungen Vergesellschaftung und Zerlegung vor sich geht. Sie muß also alle ihre Maßnahmen nach diesem Grundsatze einrichten, Ihre Ausführenden müssen sich in dem Bewußtsein ihrer besseren Erkenntnis das Recht her ausnehmet, gewisse Änderungen im Wirtschaftsleben zu erzwingen, sofern sie irri Besitze von Machtmitteln sind. . Würde z. B. aus einem Teil der amerikanischen Hilfsgelder, die tropfenweise und dem Einzelnen nur unwesentlich helfend in den Konsum eingehen, ein Produkti vierungsfonds geschaffen, so läge es in seiner Macht, zu erklären: Hand^ werkern, die in Not sind, oder Gehilfen, die sich selbständig machen wollen, werden Einzelkredite grundsätzlich nicht gewährt, dagegen wird die Bildung von Produktivgenossenschaften durch Beistellung von Maschinen, Rohstoffen, Fachleuten für verbesserte Arbeitsmethoden ermöglicht. Die Lehrlinge werden grundsätzlich nicht den Meistern zur jahrelangen, fruchtlosen Ausbildung, soll heißen Ausbeutung, übergeben, wodurch allein! sich diese Meister erhalten können, sondern in Lehr* Werkstätten ausgebildet. Das zwingt die Handwerker zum produktivgenossenschaftlichen Zusammenschluß, entkleidet sie ihrer bei der heutigen Lage des jüdischen Handwerkes geradezu grotesken Stellung als Unternehmer", d. h. Objekte des Klassenkampfes, bringt Fortschritt in das Handwerk und hebt die Arbeitsfreude der Lehrlings- und Gehilfenschaft. Solche Lehrwerkstätten würden äber auch das Eindringen von Juden in Handwerke, die sie bisher noch nicht oder nur in verschwindend kleiner Anzahl ausgeübt haben, erleichtern. Sie allein wären schließlich imstande, eine gewerbliche Frauenarbeit im Osten hervorzurufen. Einzelne solcher Versuche wurden ja bereits unternommen und sind trotz offensichtlicher verwaltungstechnischer und erzieherischer Mängel gelungen. Es ist allerdings zu sagen, daß solche Maßregeln zur Förderung des Handwerks leicht erdacht und verhältnismäßig leicht durchgeführt werden können, weil es ein numerisch bedeutsames jüdisches Handwerk mit entsprechendem Nachwuchs gibt. Ganz anders verhält es sich mit Landwirtschaf t und Industrie, und die bis nun in diesen Wirtschaftszweigen anzutreffenden Judentypen scheinen schlechthin unveränderbar. Der intermittierende Hilfsarbeiter in der Industrie, der nur auf eine Gelegenheit, zum Handel überzutreten, wartet und den selbst eine Ausbildung zum qualifizierten Arbeiter nicht vom Wunsche nach Selbständigkeit, und sei sie auch ökonomisch weitaus erbärmlicher, abbringt; der kleine Pächter mit Kramladen oder Br*nntweinschank und „paar Stück Land", der „Landwirtschaft versteht", aber die Vermutung, er habe selbst gearbeitet, entrüstet zurückweist: das sind Erscheinungen, an denen alle Produktivierungsversuche gründlich scheitern müssen. Versuche auf dem Gebiet der Landwirtschaft dürften nur dort unternommen werden, wo ein spontanes Bedürfnis vorhanden ist. Alle Propaganda für Landarbeit hat sich als schädlich erwiesen, der Landarbeit wandten sich schließlich doch nur die von Anfang an Bereiten zu, die Menge der Abfallenden war bloß Einbuße an Mitteln, Mühe und Erwartung. Die Lehrfarm in Verbindung mit geisteswissenschaftlicher Ausbildungsmöglichkeit, mit kurzer Arbeitszeit und mannigfaltigen Kulturen, scheint hier aller Weisheit Ende zu sein. Damit Versuche dieser Art günstiger als die bereits gemachten ausfallen, wäre notwendig, daß einerseits die Zöglinge schon in sehr jugendlichem Alter (ungefähr im 14. Lebensjahre) aufgenommen werden, damit ihnen die schwerwiegenden Einflüsse der Pubertät schon aus dem Milieu des künftigen Berufes erfließen, andererseits als Ausbildungsziel nicht der landwirtschaftliche Beamte an-

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