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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 12 · p. 537

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 12
Article
Zur Frage der Reproduktivierung
Date
1919-01-01
Page
537 (sequence 9)
Language
German
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Zur Frage der Reproduktivierung 537 durchaus als „Materialisten" zu bezeichnen wären. Das Überwiegen dieser sozialen Einstellung im Westen könnte sie als Assimilationsprodukt erscheinen lassen. Die ganze Frage wird aber dadurch unklar, daß formal ähnliche Dinge, wie Hochschätzung der Gottgelehrtheit im noch frommen Osten, des wissenschaftlichen Rangs im Westen, gänzlich verschiedenen Affekten entspringen, so verschiedene Dinge sind, wie nur Mittel und Zweck verschieden sein können, Daher auch der Wesensunterschied zwischen dem gläubigen Reichen und dem Geldsammler, der nur mehr fideikommissarischer Verwalter eines Bankkontos, Fetischist, ist. Die Lösung der religiösen Bindung, die Erlangung der wirtschaftlichen Freiheit und bürgerlichen Gleichberechtigung machen den Machttrieb seiner äußeren und inneren Hemmungen ledig, so daß er den jahrhundertelangen doppelten Knechtschaftsdruck überkompensiert. Schließlich sei noch eine für die Juden singuläre, in ihren Konsequenzen für Erez Israel höchst bedeutsame Tatsache angeführt: die gegenseitige instinktive Scheu jüdischer Unternehmer und Arbeiter, die trotz geglückter Versuche nicht merklich abnimmt; „Judaeus Judaeo lupus" gilt heute ebenso wie in römischen Zeiten. Die Solidarität des Judeseins wird als drückend bei der Verfolgung des Klasseninteresses empfunden. (Darüber kann auch kein volkssozialistisches Programm hinwegtäuschen.) Diese Beispielsammlung (sie soll nicht mehr als das darstellen) hat vielleicht einige der Probleme einer jüdischen Wirtschaftspsychologie aufzuweisen und zu zeigen vermocht, von welch eminent praktischer Bedeutung solche Forschungen sind. Wenn die jüdische Sozialpolitik sich auf Erkenntnisse statt auf Hypothesen stützen wird, ist Hoffnung vorhanden, daß sie die Schäden am Judentum als sozialer Erscheinung allmählich heilen oder zumindest ihrer Entwicklung Einhalt tun kann, indem sie ihre Maßnahmen mit den Ergebnissen der Wissenschaft in Einklang zu bringen sucht, statt wie bisher unkontrollierbare Theorien in die Praxis umsetzen zu wollen. Die angeführten Tatsachen werden aber auch vielleicht zur Rechtfertigung der Skepsis dienen, mit der alle Forderungen nach Produktivierung betrachtet werden sollten. Die Einsicht, daß einzelne geglückte Versuche in Erez Israel angesichts der gegenwärtigen Bestrebungen einer Massenkolonisation nichts zu bedeuten haben (von den vielen bisherigen Mißerfolgen im Lande ganz zu schweigen), daß durch den Krieg im jüdischen Volke die Not, der stärkste Arbeitsantrieb, zwar gewachsen, die Fähigkeit zur Arbeit aber gemindert wurde; die Notwendigkeit, Massen des Volkes, die am Untergang sind, in ihren jetzigen Territorien oder in Ländern der Massenauswanderung irgendwie zur Arbeit zu bringen; die immer klarer zutage tretende Desillusionierung der zionistischen Öffentlichkeit, alle diese Momente und noch viele mehr wirken einer Produktivierung entgegen. Und doch ist es notwendig, ohne überschwengliche Erwartungen zwar, nur in der Hoffnung, einige Schwierigkeiten, einige Fehltritte auf dem Wege zur Produktivierung vermeiden zu können, an ihr zu arbeiten. Auf zweifache Weise muß die Arbeit geschehen: technisch und erzieherisch. Technisch bedeutet sie Schaffung aller Hilfsmittel zur Förderung gesellschaftlicher Produktion unter Juden, erzieherisch, Überwindung der psychischen Hinderr nisse, die gesellschaftlicher Produktion der Juden entgegenstehen. Die technische Arbeit wird solange nicht befriedigen, als nicht der Einfluß der erzieherischen merklich geworden ist, trotzdem kann ihr Beginn nicht auf diesen Zeitpunkt verlegt werden.

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