Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Zur Frage der Reproduktivierung
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 536 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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536 Erwin Kohn: ihnen Landwirtschaft häufig mit dem Begriff eines Lohnarbeiter beschäftigenden Unternehmerstums verknüpft erscheint und sie die Arbeit der eigenen Hände als notwendiges temporäres Übel betrachten. Neben der großen Menge dieser Selbständigkeitssüchtigen" besteht eine Gruppe jugendlicher „Siedlungsideologen", proportioneil abnehmend zur Höhe des Lebensalters. Sie beweisen und werden in Zukunft, wie mir scheint, noch deutlicher und für sie selbst noch trauriger beweisen, daß jugendliche Gemeinschaftssehnsucht keine positive Kraft im Wirtschaftsleben darstellt, sofern sich nicht zu ihr ein sehr starkes Rationalitätsmoment gesellt, d. h. solange nicht gemeinwirtschaftliche Unternehmungen in Erez Israel ihren Arbeitern ein Maß von wirtschaftlicher Erleichterung bieten, das imstande ist, der mit zunehmendem Alter, Familienbildung usw. sich verstärkenden Separationstendenzen Herr zu werden. Einstweilen überwiegen aber in den meisten Fällen die Separationsweitaus die Kohäsionstendenzen. Die Unfähigkeit zur Kooperation, dieser historisch weit hinauf verfolgbare, nur psychisch erklärbare Mangel des Juden als wirtschaftenden Subjektes (vielfach auch als sozialen Wesens überhaupt) tritt als bedeutendstes Hindernis der Produktivierung entgegen. Sehr bemerkenswert und durch wirtschaftliche Tatsachen schlechthin unerklärlich ist die ausgesprochene Vorliebe für und die Abneigung gegen gewisse Handwerke. Die Abneigung gegen das Handwerk ist ja im allgemeinen groß und umso größer, je weniger seine Ausübung mit einem Handel, wie z. B. Juwelier, verbunden werden kann. Selbst bei denjenigen, die im Handwerk in bewußter Abkehr vom Handel erlernen wollen, ist derselbe vielleicht unbewußte Gedankengang wahrzunehmen. Die Ablehnung eines Handwerks wird manchmal mit den fürs erste sonderbar anmutenden Worten „weil es schmutzig ist" begründet, oft von denselben Menschen, die an der Beschäftigung als Geschäftsdiener, Magazineur usw. nichts in dieser Hinsicht Tadelnswertes auszustellen wissen. Der Hände Arbeit steht also durchaus nicht in talmudischer Hochachtung, sondern wird in den meisten Fällen als Deklassierung empfunden; das geht so weit, daß Eltern Söhne, die „keinen Kopf zum Studieren" haben, lieber gänzlich unbeschäftigt leben und auf irgendeine Erleuchtung warten lassen. Psychologisch wichtig und tief ist der häufig gehörte Einwand gegen das Handwerk, es sei „immer dasselbe, langweilig, eintönig, ermüdend". Die psychische Disposition führt also zur objektiven Unwahrheit, denn so öde wie z. B. Registraturdienst oder Zeitungsschleifenkleben ist die eintönigste handwerkliche Arbeit nicht; aber sie wird so empfunden. Hier scheinen tatsächliche Defekte in der psychischen Struktur vorzuliegen, von denen vorläufig nicht ausgesagt werden kann, wieweit sie generell und phylogenetisch erworben sind. Das unsachliche Verhalten zur beruflichen Arbeit, bei der nur Effekt, nicht Arbeitsvorgang gewertet wird, verhindert jede objektive Beurteilung einer handwerklichen Arbeit. Dazu tragen in vielen Fällen Eltern, bei Erwachsenen ererbte Vorurteile das meiste bei. Historisch-psychologischer Forschung wird es vorbehalten bleiben müssen, die Entwicklung der Begriffsverschiebung aufzuzeigen, die zu diesen eigenartigen Verhaitungswesen geführt hat. An der Einstellung zur Fabriksarbeit wird manches bei der Wahl anderer Berufe nur andeutungsweise Vorhandene sehr deutlich. So vor allem der fast panische Schrecken vor Eingliederung in einen sozialen Organismus mit festen Normen, der eine volle Ausnützung der individuellen Qualitäten nicht gestattet, indem „man nicht weiterkommen kann" (sc. unter Benachteiligung oder Übervorteilung anderer). Merkwürdig ist ferner die Tatsache, daß Macht oder sozialer Rang vielfach höher als Geldeinkommen geschätzt wird, selbst von Leuten, die ihrem ganzen Habitus nach