Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Zur Frage der Reproduktivierung
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 535 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Frage der Reproduktivierung 535 Kolonisation ziehen, und den Forderungen, die sie für die Zukunft erheben. Kein noch so geringfügiges Hilfsmittel der Wissenschaft sollte, so würde man meinen, zufi Ausschaltung von Fehlerquellen bei Projekten und bei ihrer Ausführung durch den „gestor Judaeorum" verschmäht werden, da es sich doch um Menschenleben, die dem sittlich wertvollsten Volksteil zugehören, handelt und da jeden Schritt die zitternde Erwartung des ganzen Volkes begleitet. Statt dessen — doch wozu die betrübende Registrierung aller mißlungenen Unternehmungen, enttäuschten Hoffnungen; mißlingend und enttäuschend zum großen Teil nur, weil unter ungeprüften Voraussetzungen begonnen und mit ungenügenden Mitteln an Kapital und menschlicher Arbeit durchgeführt. Der Einwand, daß sich die maßgebenden Kolonisationsbehörden in einer Zwangslage befunden hätten und weiter befänden, ist zwar stichhaltig, der, daß die Wirt^- schaftspsychologie im allgemeinen nicht weit genug sei, um zu brauchbaren Ergebnissen für die praktische Wirtschaftspolitik zu führen, aber sicher nicht. Denn in Wahrheit spielen bereits heute und ganz besonders im jüdischen Wirtschaftsleben psychologische Erwägungen eine Rolle, sie geschehen nur halbbewußt, unkontrolliert und lassen der persönlichen Empfindung allzu großen Spielraum. Wenn der Kolonist Arbeiter aufnimmt und aus einer größeren Anzahl ihm Unbekannter einige auswählt, so leiten ihn psychologische Erwägungen; das Allgemeinurteil, daß Juden sich besser zum Pflanzungsals zum Körnerbau eignen, ist ein wirtschaftspsychologisches —und von einer Apodixis auf Grund beschränkter Empirie, die anmaßlicher ist als ein „Gesetz" der Wissenschaft. Es wäre die Aufgabe einer jüdischen Wirtschaftspsychologie, die Richtigkeit und Brauchbarkeit der Volksmeinung und -des individuellen Urteils zu prüfen, Falsches und Ungerechtfertigtes zu korrigieren, Vernachlässigtes und Vergessenes an den gebührenden Piatz zu bringen. Wenn die Erforschung der psychischen und physischen Besonderheiten der Juden und die Auffindung geeigneter Methoden zu ihrer Überprüfung am Individuum nur annähernd gleichen Schritt hielte mit der Entwicklung der Wirtschaftspsychologie überhaupt, dann wäre der praktische Nutzen für die Produktivierung bald erkennbar. Als Beispiel für die psychische Einstellung der Juden zum Wirtschaftsleben seien einige Beobachtungen bei der Berufsberatung und beim Arbeitsnachweis angeführt. Schon nach kurzer Beobachtung an Jugendlichen zur Zeit ihrer Berufswahl und an stellungsuchenderi Arbeitern sind typische Reaktionsweisen auf gewisse Vorschläge wahrzunehmen, die man versucht wäre, als spezifisch „jüdisch" zu bezeichnen. Denn neben einer verschwindend kleinen Gruppe von Leuten, die für die von ihnen vertretene Meinung verstandesmäßig argumentieren, gibt es die große Menge, die zu ganz ähnlichen Resultaten, doch ohne Verstandesgründe, triebhaftunbewußt, gelangt. So steckt hinter dem Wunsche, Landwirt zu werden, regelmäßig die Idee des eigenen, räumlich wahrnehmbaren, vererblichen Besitztums, des „eigenen Stücks Landes"; das Wort „Landarbeiter" wird in den seltensten Fällen gebraucht, sondern es heißt immer „Landwirtschaft" oder gar „Agronomie lernen" (sc. um selbständiger Landwirt zu werden). Es scheint, daß die durch den Krieg in ihren Besitzverhältnissen so völlig veränderten Ostjuden, die beobachtet werden konnten, sich mit großer Kraft an die Idee des freien selbständigen Bauerntums in Palästina geklammert haben, und es ist mit Sicherheit vorauszusagen, daß sie, wenn sie nicht rechtzeitig und gründlich über die realen Möglichkeiten aufgeklärt werden, vollständigen Schiffbruch erleiden. Bemerkenswert ist schließlich hierbei noch, daß