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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 12 · p. 534

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 12
Article
Zur Frage der Reproduktivierung
Date
1919-01-01
Page
534 (sequence 6)
Language
German
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534 Erwin Kohn: pogromartigen Kundgebungen, Fälle von Einsicht, daß die gegenwärtigen Wirtschaftspositionen trotz augenblicklicher äußerer Erfolge unhaltbar seien, schließlich Fälle von Unterordnung der Lebensführung des Einzelnen unter die Erfordernisse des Volksganzen, in denen sich ein ähnlicher Prozeß abspielen kann. Aber es bestehen auch gewaltige Bedenken, Wie, wenn die Verelendung im Osten große Teile des Volkes schon soweit zermürbt hätte, daß sie physisch überhaupt nicht mehr in der Lage wären, arbeitende Menschen hervorzubringen? Wie, wenn das Dogma von der ausschließlichen Begabung des Juden zum Handel im Volke so verwurzelt wäre, daß —• wie ich kürzlich paradox ausgedrückt hörte —- er ,,obdachlos im Straßengraben liegend auf ein Geschäft wartet"? Und sehen wir nicht täglich, wie selbstsicher die neuen jüdischen Reichen sich gebärden und wie die bisher Erfolglosen, weit entfernt zu resignieren, warten, bis sich für sie „etwas machen" läßt, wofür bei den anarchistischen Wirtschaftsverhältnissen nach Kriegsende reichlich Gelegenheit ist? Tauchen Fragen dieser Art auf, dann wird die Betrachtung der Wirtschaftsverhältnisse und die Schlußfolgerung aus ihrer Entwicklung ungenügend. Es müssen die Ursachen erforscht werden, die dieses spezifische wirtschaftliche Handeln der Juden bedingen, es muß der historischen Entwicklung nachgegangen werden, die zu den heutigen Typen von Juden geführt hat. Also eine volkspsychologische Untersuchung, für die nur ungenügendes wissenschaftliches Material vorhanden ist und deren Substrat allein Volksglaube und eigene Empirie bilden kann. Im Rahmen eines Essays kann eine solche Untersuchung nicht geführt, es können nicht einmal die Richtlinien, nach denen geforscht werden soll, angegeben werden. Es ist nur möglich, an kleinen Ausschnitten aus dem täglichen Leben zu zeigen, was tatsächlich vorgeht, wie solche Vorgänge betrachtet werden können und zu welchen Konklusionen eine psychologisierende Wirtschaftsbetrachtung führen mag, Wir begeben uns mit einer solchen Untersuchung natürlich weit weg von dem Boden der geltenden Wirtschaftstheorien und der allgemeinen Meinung von dem Zusammenhang zwischen Mensch und Wirtschaft. Wir hypostasieren, daß das wirtschaftliche Handeln nur eine Funktion der psychischen Veranlagung ist und daß letzten Endes der ökonomische Rationalismus zum Verständnis der Erscheinungen des Wirtschaftslebens nicht ausreicht. Jeder kann in seinem Leben so viele „unwirtschaftliche" Handlungen nachweisen, derselbe Nachweis kann mit noch größerer Deutlichkeit beim Leben höher zusammengesetzter sozialer Organismen geführt werden, so daß selbst das Fallenlassen der Bezeichnung „Gesetzmäßigkeit" und die Annahme einer mehr minder häufigen Reaktionsweise der Allgemeinheit und des Individuums unhaltbar wird. Ob die obenerwähnte Hypostasierung wertvollere Abstraktionen als die bisherigen ökonomischen und (formal) soziologischen liefern wird, bleibt dahingestellt. Führt sie aber zur Berücksichtigung bisher zu wenig gewürdigter Faktoren der wirtschaftlichen Handlungsweise und damit zu praktischen Änderungen in der Sozialpolitik, dann ist ihr Wert unzweifelhaft. Die Geschichte der jüdischen Kolonisationsbewegung und die zionistische Gegenwartsarbeit scheinen bereits genügend Beweise dafür geliefert zu haben, wie verderblich eine Vernachlässigung der volks- und individualpsychologischen Eigentümlichkeiten in wirtschaftspolitischen Dingen ist, wenn überhaupt dieses unorganische, halb philanthropische, halb formal-nationalistische. Dilettieren Wirtschaftspolitik genannt werden darf. Dem gleichen Fehler erliegen auch alle zionistischen Wirtschaftstheoretiker in den Schlüssen, die sie aus den bisherigen Erfahrungen der

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