Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Zur Frage der Reproduktivierung
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 533 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Frage der Reproduktivierung 533 als Beweis dafür genommen werden, daß auch dort den Juden die innere Möglichkeit zu einer Einstellung in die geänderten Wirtschafts Verhältnisse fehlt. Das vollendete Gegenbild zu dieser nicht mehr überschreitbaren Stufe menschlichen Elends stellt der westjüdische Kriegsgewinner und sein ostjüdischer Gefolgsmann im Westen dar. Gegenbild — aber Bild der gleichen Art, denn dieselbe Woge hat den einen hinauf-, den andern hinuntergeworfen, dasselbe Ereignis ist beiden Schicksal geworden, die Rollen sind durchaus vertauschbar. Der Osten zeigt, zu welcher Elendstufe der Jude herabsteigen kann, wenn seine „Fähigkeiten" gehemmt werden, der Westen, zu welch schrankenloser, unmenschlicher Ausnutzung eben dieser „Fähigkeiten" er imstande ist, wenn die äußeren Umstände es zulassen. Von welcher Bedeutung die Flucht tausender Juden Galiziens und Polens nach Mitteleuropa war, läßt sich heute, da wir uns inmitten von Wandlungen im Judentum infolge dieser Flucht befinden, nicht genau abschätzen. Es steht fest, daß die Entziehung auch der primitivsten Existenzmöglichkeit durch Sperrung in Konzentrationslager, wahllose Wohltäterei und Verhinderung geeigneter Beschäftigung seitens der Behörden bei vielen den Müßigang ins Pathologische verzerrt und sie für die Zukunft wirtschaftlich untauglich gemacht hat. Auf der anderen Seite erwächst den Westjuden durch das rasche Eindringen der Flüchtlinge, die das „Glück" hatten, in Städte zu kommen, in den legitimen und illegitimen Handel eine tödliche Konkurrenz, die Angriffsfläche des Antisemitismus wird größer, die Gefahr einer Seßhaftwerdung der ungebetenen Gäste droht, mit ihr zu allen wirtschaftlichen Übeln auch das der Nationalisierung der jüdischen Gemeindestube, kurz es entsteht Antagonismus stärksten Grades bei den „Erbeingesessenen", und es ist typisch, daß z. B. in Wien die Juden allen Ernstes in zwei Klassen, die der vor i. August 1914 Ansässigen und die der Flüchtlinge, eingeteilt werden. Es hat wirklich den Anschein, als witterten die Westjuden trotz vielfacher Versicherungen, sie hätten mit den Flüchtlingen gar nichts gemein, hinter deren Verbleiben eine ungeheure Gefahr für sich, und das lässige Auftreten auch nationaler Kreise gegen die Entrechtung der Flüchtlinge mag dem geheimen Wunsch entspringen, die Behörden möchten bei dieser Gelegenheit die Schonung, die ihnen selbst zuteil wird, kompensieren. Daß eine solche extra-legem- Stellung von Juden Schule machen und analog von Ostauf Westjuden angewendet werden kann, ahnen nur wenige Einsichtige, und doch scheint mir gerade in der Möglichkeit dieser Analogie — die verschiedene Exzesse in Mitteleuropa beweisen — die größte wirtschaftliche Gefahr für die nächste Zukunft des Westjudentums zu liegen. Militärdienst, Kriegsindustrie, Gefangenschaft haben wirtschaftlich auf die Juden ähnlich wie auf alle kriegsbeteiligten Völker eingewirkt. Der Eindruck auf die Volkspsyche dürfte, von einer gewissen äußerlichen Abhärtung abgesehen, weniger tief als bei den andern Völkern gewesen sein. Es gesellte sich eben zur vorhandenen psychischen Abneigung noch das Gefühl des Unbeteiligtseins, ja des widernatürlichen Zwanges, das den Militarismus als psychisches Massenphänomen verhinderte. In diesem Zusammenhang müßte allerdings untersucht werden, wie weit dies auch bei der jüdischen Legionsbewegung zutrifft, da hier eine wesentlich andere Konstellation vorliegt, doch gibt es hierüber nur spärliches Informationsmaterial. An sich scheinen diese Feststellungen für die Möglichkeit der Produktivierung nicht ungünstig zu sein. Daß proletarisierte Massen, wie die heutigen jüdischen im Osten, sich manueller Arbeit zuwenden, ist ein Ereignis, das genug historische Analogien hat. Und selbst im Westen gibt es Fälle von gewaltsamer Expropriation bei