Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Zur Frage der Reproduktivierung
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 532 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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532 Erwin Kohn: Statt aller Anklagen ein Datum: der Rechenschaftsbericht der polnischen zionistischen Organisation enthält an Ausgaben für das Palästina-Amt 7000 M., für den Wahlfond zirka 200000 M, Diese Kette von Verständnislosigkeit für die praktische Palästinavorbereitung in der Galuth in Form von Schulen, Werkstätten, Farmen, in Form von produktivgenossenschaftlicher Zusammenfassung und Unterstützung bestehender Bauern- und Handwerkergemeinden usw., kurz für jede Konsequenz unserer gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage, mag sie auch hergebrachten Anschauungen widersprechen und mag sie auch für die Besitzenden eine ökonomische Einbuße bedeuten, zieht sich durch alle Länder, wo Zionisten in größerer Anzahl tätig sind. Was an Einrichtungen, die freilich wirtschaftlich schwach und provisorisch waren, irgendwo geschaffen wurde, das verdankt seine Entstehung der entschlossenen Zähigkeit einer jungen, wirtschaftlich fast ohnmächtigen Generation und ist auf die höchst unsichere Basis der jüdischen (auch der zionistischen) Philanthropie gestellt. Die prinzipielle Möglichkeit einer Produktivierung des Judentums hat also zwei Voraussetzungen, über deren Vorhandensein noch keine genügende Sicherheit besteht, die eine, daß Veränderungen der jüdischen Wirtschaftsposition in der Richtung der Produktivierung von außen her im Gange sind, und die andere, daß die psychische und physische Struktur der von ihr Erfaßten die Ergreifung produktiver Tätigkeit gestattet. Erst nach der Beantwortung dieser beiden Fragen ist es möglich, darauf einzugehen, in welcher Weise diese Veränderung von innen her beeinflußt werden kann. Die wirtschaftlichen Umwälzungen, die der Krieg hervorgebracht hat, haben die Juden besonders stark ergriffen. Sie haben die jüdische Wirtschaft in den Ländern der jüdischen Massensieälung im Osten völlig vernichtet; sie haben auf der anderen Seite Teilen des jüdischen Volkes im Westen und in Amerika ungeheure Reichtumsmehrung ermöglicht; sie haben durch die Flüchtlinge Ost- und Westjudentum in innigere Berührung gebracht; sie haben Wiedergewöhnung der Juden an körperliche Anstrengungen durch Militärdienst, Kriegswirtschaftsbetriebe und Kriegsgefangenenarbeit verursacht. Diese Ereignisse sind für die Produktivierung von größter Bedeutung. Die Zerstörung der jüdischen Wirtschaft im Osten hat ein Werk, das das zaristische Rußland und das erwachende Polen erfolgreich begonnen haben, ungeheuer gefördert. Der jüdische Handel und Teile des jüdischen Handwerks und der Industrie sind auf Jahre völlig vernichtet, und angesichts dessen ist es wirtschaftlich nicht einmal allzu bedeutungsvoll, daß Hunderte von Juden zur radikalen Lösung der Judenfrage einfach ermordet wurden. Soweit aus den spärlichen Nachrichten, die allerdings aus vielerlei Gründen tendenziös gefärbt sein können, hervorgeht, sind die Massen unseres Volkes im Osten derzeit ohne Lebensmöglichkeit und stehen vor dem Hungertod, der durch unzureichende Geldunterstützungen aus den westlichen Ländern verlangsamt wird. Handel ist unmöglich, zu einer manuellen Tätigkeit fehlt produktives Kapital und in den allermeisten Fällen wohl auch die Arbeitsfähigkeit. So siecht das östliche Judentum, durch Kriegshorden, Seuchen und Hungersnot bedrängt, langsam dahin und die Hoffnung auf eine Massensiedlung in Palästina und eine Auswanderung nach Amerika, die es bisher aufrecht erhalten hat, wird immer schwächer. Vom bolschewistischen Rußland und seiner Stellung zu den Juden sind wir zu wenig unterrichtet, um hierüber urteilen zu können. Daß im allgemeinen eine heftige jüdische Gegnerschaft gegen die Bolschewiki besteht, kann