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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 12 · p. 531

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 12
Article
Zur Frage der Reproduktivierung
Date
1919-01-01
Page
531 (sequence 3)
Language
German
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Zur Frage der Reproduktivierung 531 Geschichtsauffassung gilt oder nicht. Tritt nicht zu diesen Beweggründen, die einzeln oder vereinigt in kleinen Volksteilen, in Bünden, in Individuen wirksam sein können, als entscheidendes Movens die wirtschaftliche Notwendigkeit hinzu, so wird nichts verändert, so ist die Galuth unabänderlich, so ist auch Achad Haams "Olm?mD nicht ausreichend zur Erhaltung, geschweige denn zur Wiederbelebung der Diasporajudenheit, die aus wirtschaftlichen Gründen restlos assimiliert wird und der es wieder aus wirtschaftlichen Gründen unmöglich ist, dagegen in Schlagworten wie „nationale Autonomie" anzukämpfen. Die Möglichkeit der Produktivierung ist also die Bestandsfrage nicht nur der jüdischen Kolonisation von Erez Israel, sondern mittelbar auch die der Galuth, will man nicht etwa die Judenfrage dadurch gelöst erachten, daß die wenigen, nach den heutigen Wirtschaftsverhältnissen und nach der gegenwärtigen psychischen Beschaffenheit der Juden zur Ansiedlung Bereiten und Tauglichen für sich allein betrachtet die Lösung der Bestandsfrage des Judentums darstellen, auch wenn das gesamte übrige Volk national darüber zugrunde geht. Es sind nun tatsächlich Umwälzungen der Wirtschaft im Gange, welche es theoretisch als nicht unmöglich erscheinen lassen, daß sich die ökonomische Lage der Judenheit verändern wird. Ob dies praktisch in solchem Maße geschehen wird, daß die Juden aus ihren bisherigen Wirtschaftspositionen ernstlich und numerisch bedeutsam herausgedrängt werden, ist eine Frage, die zu beantworten die Gegenwart nicht erlaubt. Es bedürfte einer neuen Prophetie, um im Kampfe zwischen der bestehenden Wirtschaftsordnung und der sozialen Revolution dem jüdischen Volke die notwendige Haltung zu zeigen und im voraus den Weg, den es einzuschlagen hat, zu bestimmen. Denn nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge ist die Produktivierung Sache des Glaubens, ist das Eintreten für sie auf Grund des jüdischen Nationalismus allein nicht gerechtfertigt, sondern Rechtfertigung allein ist der unerschütterliche Glaube an den baldigen und vollständigen Sieg der sozialen Weltrevolution. Aus diesem Grunde sind die bürgerlichen Zionisten eine seltsam unlogische Erscheinung, wenn sie Gemeineigentum an Boden und jüdische Arbeit in Palästina nicht nur billigen, sondern sogar fordern. Erklärlich allein aus einem höchst traurigen Grund, nämlich aus ihrer großen inneren Distanz zur tatsächlichen Verwirklichung des Zionismus. Der Sozialismus im fernen Lande, dort wo man ihn nicht zu verspüren befürchten mußte, die jüdische Arbeit, dort, wo man selber mit jüdischen Arbeitern nichts zu tun bekommen wird, die Verdrängung aller in der Gegenwart der Galuth quälenden Fragen, die die eigene Besitzessicherheit und das eigene Rechtsempfinden zu gefährden drohen, in eine immerhin ferne Zukunft und in eine voraussichtlich nie zu erblickende Örtlichkeit, das steht in Wahrheit hinter diesen Freunden des sozialistischen Palästina. Und das wird, wenn schon ein handgreiflicher Beweis erbracht werden soll, besonders klar, wenn es sich um finanzielle Aufwendungen für dieses Ideal handelt. Die Opposition der jüdischen Bürger im Lande selbst und derer, die ernsthaft zur Auswanderung rüsten, gegen Gemeineigentum an Boden und ihr Eintreten für die fremde Arbeit sind erklärlich und beweisen, mag man für oder gegen sie sein, zumindest das aktive Interesse am Volk und arn Lande. Die Frage gewinnt aber dadurch ihre besondere Bedeutung, daß gerade diese bürgerlichen Zionisten in vielen Ländern die Führer der zionistischen Politik und die verantwortlichen Leiter der praktischen zionistischen Tätigkeit sind. Und da, wo es sich nicht um bloße Theorie, sondern um Umsetzung des intellektuell Bejahten in die Wirklichkeit des gegenwärtigen Raumes und der gegenwärtigen Zeit handelt, wird vollends klar, wie diese bürgerlichen Zionisten in Wahrheit beschaffen sind. 34*

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