Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Zur Frage der Reproduktivierung
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 530 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101162-3105056--3693-3105069- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
539 Erwin Kohn; meidungen. Wir müssen erkennen, wie sich die heutigen wirtschaftlichen Verhältnisse der Juden entwickelt haben; wieviel davon dem äußeren Zwang der Vernichter der jüdischen Selbständigkeit und den Verfolgungen durch die christliche Kirche, wieviel davon der Bereitschaft des Volkes selbst zuzuschreiben ist. Das Bild, das sich dann dem Beschauer darstellt, wird alle tief eingegrabenen Züge verhängnisvoller Entwicklung tragen, die die Zionisten von heute leicht hinwegzuwischen vergeblich bemüht sind. Wer es erschaut, wird zugestehen, daß das Schicksal des jüdischen Volkes nicht an die Eroberung der politischen Freiheit geknüpft ist und daß die Zionsidee, sofern sie tatsächlich Idee der Wiederaufrichtung Zions genannt werden darf, ihrer Verwirklichung nicht näher als vor zwanzig Jahren gebracht worden ist. Heute ist nicht einmal noch sicher, ob die formalen Voraussetzungen, als welche mir die politischen erscheinen, gegeben sind.- Daß die inhaltlichen fehlen, daß die Tragweite dieses Mangels zu wenig erkannt wird, daß bis nun noch keine ernsthaften Anstalten zu seiner Behebung getroffen wurden, das macht das Schicksal des jüdischen Volkes zu einem so ungewissen. Die Berechtigung des Zweifels ist klar: vom Mangel der inneren Bereitschaft zeugt Tatsache um Tatsache; zeugen die Zahlen derer, die sich zur Auswanderung nach Erez Israel rüsten, nach ihrer beruflichen Gliederung betrachtet, ebenso wie das politische Tagesgezänk der jüdischen Parteien in der Galuth; zeugen die immer wieder zersplitternden Gemeinschaftsbildungsversuche der jüdischen Jugend ebenso wie ihre unbestimmte Sehnsucht nach Erneuerung der Religiosität. Überall schimmert der historisch gewordene Galuthmensch durch, der nicht abgestreift noch ausgezogen werden kann, sondern mit dem der Kampf aufgenommen werden muß. Herstellung der Produktivität! Jüdische Produktivität kann betrachtet werden unter wirtschaftlichem, unter nationalem und unter ethischem Aspekt. Produktivität als wirtschaftliche Forderung heißt größtmögliche Entfaltung der Produktionskräfte zumZweckder reichhaltigsten und mühelosesten Bedürfnisbefriedigung der Menschen; unter dem nationalen Aspekt betrachtet will sie Ablenkung der jüdischen Volksmehrheit von unproduktiver Beschäftigung. Unter produktiv ist hierbei verstanden, was jeglicher Bedürfnisbefriedigung mitteltar oder unmittelbar dient und zwar unter vollkommener Ausschaltung jedes die Gesellschaft schädigenden, also letzten Endes unwirtschaftlichen Handelns. So erklärt es sich einfach, daß produktiv nicht mit manuell zusammenfällt, umgekehrt ist ein erheblicher Teil der geistigen Berufe, in denen Juden tätig sind, auf seine soziale Zweckmäßigkeit hin betrachtet als unproduktiv zu bezeichnen. Unter dem ethischen Aspekt heißt sie Erweckung des Gefühls menschlicher Verbundenheit, deren Motor die Empfindung des Aufeinander - angewiesenseins, der Verantwortlichkeit des Einzelnen für das Geschick des Ganzen ist, also Bekämpfung des Individualismus in seinen Erscheinungsformen Persönlichkeits- und Familienegoismus. Es scheint, daß die Verknüpfung dieser drei Aspekte, unter denen Produktivität angesehen werden kann, eine unlösliche ist, und es folgt daraus, daß weder die Wirtschaftstheoretiker noch die formalen Nationalisten, noch die „Erneuerer Zions*' im Rechte sind, die nur eine dieser drei Seiten beleuchten. Außer diesen inneren Forderungen müssen vielmehr ganz gewaltige äußere Ursachen wirksam werden, um eine die Struktur des Volks ganzen so bis in seine letzten Teile umwälzende Veränderung wie die Produktivierung hervorzurufen. Intellektuelle Erkenntnis, ethischer Imperativ, nationale Begeisterung, religiöser Erlösungswille reichen hiezu in der Gegenwart nicht aus, gleichgültig, ob sie je in der Vergangenheit hierzu ausreichend waren, und daher gleichgültig, ob die materialistische