Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Zur Frage der Reproduktivierung
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 529 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ZUR FRAGE DER REPRODUKTIVIERUNG Reproduktivierung bedeutet: einmal die Konstatierung, daß vor Zeiten produktives Judentum vorhanden war; zum zweiten die Forderung, daß dieses Judentum erneuert werde. Die von Reproduktivierung reden, verstehen darunter bisweilen die Ersetzung von Kopfarbeit durch Handarbeit; wenn sie tiefer schürfen, die Milderung des Abstands zwischen der Urproduktion und der vorwiegend städtischen Berufsgliederung der Juden durch Landsiedelung und Landbearbeitung; diejenigen, die psychologischer Motivation menschlichen Handelns geneigt sind, meinen, der allzusehr der Abstraktion ergebene Sinn der Juden bedürfe der Konkretisierung. Sie haben vor den Anhängern der „Rückkehr zur Handarbeit" oder „Rückkehr zur Natur" voraus, daß ihnen, wenn auch nur unklar, bewußt ist: Reproduktivierung bedeutet mehr als eine Wirtschaftsfrage, bedeutet tiefgreifendste Veränderung der psychischen Struktur der Juden, Schaffung eines durchaus neuen Typus Jude, und nicht etwa Rückkehr zu einem schon dagewesenen Zustand der Geschichte, dem durch äußere Einwirkung ein gewaltsames Ende bereitet wurde. Von Schriftstellern, die sich mit sozialen Fragen des Judentums, hauptsächlich mit denen des Aufbaus von Erez Israel beschäftigen, ist die Reproduktivierung als eine verhältnismäßig einfach durchzuführende Forderung hingestellt worden, so etwa wie Gemeineigentum an Boden oder nationale Schulen. Sie war bald ein Tummelplatz derjenigen „idealistischen" Richtung, die mit dem Aufbau der neuen Wirtschaft eine Veränderung der Produktion auch in der Hinsicht durchsetzen will, daß der fortschreitenden Mechanisierung der Produktion durch die Vervollkommnung der Technik ein Ende gesetzt und einem jeden „ein ungeteiltes Stück Arbeit" werde; bald meinten die Praktiker unter den jüdischen Wirtschaftspolitikern, man müsse in und außerhalb des Landes Israel Lehrfarmen, Handwerkerschulen usw. errichten, jüdische junge Leute hineinschicken, und alles andere würde sich von selbst ergeben. Alldem ist entgegenzuhalten: Reproduktivierung ist nicht Handarbeit, nicht Rückkehr zur Natur, nicht Werkheiligkeit und kein Fachschulsystem. Reproduktivierung will Wiederherstellung der Produktivität. Bei diesem Akte der jüdischen Wiedergeburt ist eine Anknüpfung an einen historischen Zustand des Judentums, so wie sie bei Restituierung der Sprache und der nationalen Gebräuche mit Erfolg versucht werden konnte, ausgeschlossen. Zu fern und selbst für die Phantasie zu unwahrscheinlich ist die Vorstellung der hebräischen Nomadenstämme, die das Land Kanaan erobern und seßhafte Bauern werden. Unmöglich ist es, aus den damaligen Produktionsverhältnissen auch nur irgendwie Brauchbares für den jetzt erstrebten Zustand zu entnehmen. Aus dieser Unmöglichkeit heraus muß gesagt, werden, daß wir fälschlich von einer Reproduktivierung sprechen und daß der Gebrauch dieses Wortes die Aufgabe als zu leicht erscheinen läßt; sondern Produktivierung muß die Losung heißen, und was wir für sie aus der historischen Entwicklung lernen können, ist nur ein Negatives, ist ein Zaun von Ver¬ Heft 12. 34