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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 11 · p. 519

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 11
Article
Die Inspiration und die Form der Prophetie
Date
1919-01-01
Page
519 (sequence 6)
Language
German
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Die Inspiration und die Form der Prophetie 519 gebliebenen, König, Fürsten und Volk,'ihr seid die endgültig Verworfenen. Ihr seid die verdorbenen Feigen. Gelehrte Theologen haben darüber gestritten, ob Jeremia diese Dinge wirklich erlebt habe, ob es sich nicht vielmehr um eine Vision, um ein inneres Schauen, handle. Die meisten halten augenscheinlich das Zweite für dem Wesen eines Propheten angemessener. Dem klaren, eindeutigen Bericht Jeremias gegenüber aber kann überhaupt kein Zweifel bestehen, daß es sich um wirkliche Erlebnisse handelt. Ja sogar, wie wir bereits gezeigt haben und noch des weiteren zeigen werden, kommt diesen an sich alltäglichen Erlebnissen eine grundlegende Bedeutung für die Entstehung der Inspiration, des einzelnen Prophetenwortes, zu. Doch noch eine andere zum Kern des Problems hinführende Erkenntnis läßt sich aus dem „Gesicht" vom Töpfer und Ton ableiten. Es ist bereits gesagt: diesem Symbol wohnt eine wunderbare Tiefe und Bildkraft inne; es ist ein Gleichnis, würdig eines größten Dichters. Entstanden ist es durch originelle Erfassung eines schlichten alltäglichen Vorganges. Tausende sehen, aber einer schaut undgestaltet. Diese Kraft des Gestaltens und Umschaffens einfacher selbstver - ständlicher Dinge durch erweitertes und vertieftes Schauen ist die Funktion des dichterischen Genius. Wie der Dichter, der Künstler überhaupt, sieht der Prophet die Dinge in einem eigenen, nur ihm sich erschließenden Lichte. Zu ihm sprechen die Dinge neuartiger, reicher, unmittelbarer als zu allen anderen. Und der Rausch, der diese aus dem Unbewußten aufschießende künstlerische Konzeption begleitet, ist eben die „Hand Gottes", die über den Propheten kommt. Das zweite Element der prophetischen Inspiration, deren erstes der sittliche Willensantrieb war, ist das dichterische Schauen. Der Prophet ist Dichter und muß Dichter ^ein. Nicht nur der Ausdrucksform nach, sondern dem Wesen seiner Weltbetrachtung nach. Er ist als Prophet um so größer, je tiefer sein sittlicher Willensantrieb und je lebendiger sein dichterisches Schauen ist. In beidem ist Jeremia unzweifelhaft der größte aller Propheten. Ihm leben alle Dinge, und seine Bilder sind von der Einfachheit und Größe, die das Kennzeichen des begnadeten Dichters ist. Es ist nun aber durchaus nicht notwendig, daß stets wie in den bisherigen Beispielen die Anregung zu einem Gottesspruch durch ein besonderer Beziehung fähiges Erlebnis gebildet wird. Auch durch andere Funken entzündet sich das Feuer, das der Prophet als göttlich empfindet. Sicher ist uns in zahlreichen Fällen nur nicht mitgeteilt, durch welchen Anstoß die Eingebung erfolgte, und es heißt dann einfach: Es geschah das Wort Gottes zu mir. Ist doch Jeremia überhaupt der einzige Prophet, der uns nähere Hinweise gibt, und es ist hier ein zufälliges Glück, daß sein verständnisvoller Schüler Baruch sich bemüht hat, zu den Aussprüchen des Propheten den Rahmen zu überliefern, in dem sie entstanden sind. Im Wesen am nächsten den hier betrachteten Beispielen steht der interessante Vorgang, der II. Kon. 3,15 von Elias berichtet wird. Der Prophet spricht: „Bringet mir einen Spielmann! Und als der Spielmann spielte, da kam die

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