Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Die Inspiration und die Form der Prophetie
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 518 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Elias Auerbach: Ganz besonders bezeichnend für die Art, wie prophetische Gesichte bei Jeremia zustande kommen, ist, was er im Kap. 18 berichtet: „Ich stieg hinab in das Haus des Töpfers, und er verrichtete gerade seine Arbeit auf der Töpferscheibe. Und verdarb ihm ein Gefäß, das er mit der Hand in Ton geformt hatte, so fitig er von neuem an und formte ein anderes Gefäß, wie es recht schien in seinen Augen. — Da geschah das Wort Gottes zu mir: Kann ich nicht wie dieser Töpfer euch auch tun? „Sieh: wie der Ton in der Hand des Töpfers, so seid ihr in meiner Hand!" Ganz wie im ersten Fall: Ein an sich gleichgültiges Erlebnis enthüllt sich dem ständig gespannten Prophetengeist als geheimnisvolle Beziehung. Tausendmal ist er achtlos an diesem Töpfer vorbeigegangen, tausendmal sahen ihn die andern, fast ohne ihn zu sehen* Dies eine Mal durchfährt ihn die Erkenntnis: Sind wir Volk Israel nicht wie Ton in der Hand des Töpfers? Ein Gedanke von wunderbarer Tiefe und Bildkraft, der in eines der schönsten Gebete des Versöhnungstages eingegangen ist. Diese plötzliche überraschende Erleuchtung ist die „Hand Gottes", die über den Propheten kommt. Hier zeigt sich auch besonders deutlich, was wir die Vordatierung der Inspiration nannten. Wenn dem Propheten gerade heute das geheimnisvoll Symbolische in den Handgriffen des Töpfers aufgegangen ist, muß nicht Gott seinen Schritt heute dorthin gelenkt haben, eben um ihm dieses „Gesicht" zuteil werden zu lassen? Darum wird der Vorgang selbst, der den Anstoß zur Erleuchtung hergab, in sie nachträglich hineingezogen. Der Prophet erlebt, sozusagen, das Erlebnis zweimal: einmal als gewöhnliche sinnliche Wahrnehmung, dann als prophetisch bedeutsame Erleuchtung. Durch diese Spaltung der Empfindung kommt eine Art Wiedererkennen zustande; durch das vertiefte Schauen erscheint ihm das Erlebnis altbekannt, und so kann er die erste Bekanntschaft mit ihm zurückdatieren und sagen: Es erging an mich das Wort Gottes: Steige hinab in das Haus des Töpfers, dort will ich dich meine Worte hören lassen. Ich stieg hinab..." (18,2). Ganz ähnlich in seiner Schlichtheit ist den bisher angeführten Beispielen das Erlebnis von den zwei Feigenkörben (Kap. 24). Jeremia sieht — auf dem Platz vor dem Tempel in Jerusalem — nebeneinander einen Korb mit ausgezeichneten und einen mit verdorbenen Feigen. Baruch, der hier wieder zeigt, wie fein er den Seelenregungen des Propheten nachgeht, fügt alsbald hinzu (Vers 1): „nachdem Nebukadnezar König von Babel den Jechonja weggeführt hatte", also im Juli oder August 597. Dem Propheten formt sich das Gesehene sofort zum Gleichnis seines Volkes. Aber höchst bezeichnend für seine Originalität ist, wie er es schaut. Der „falsche" Prophet, der das Volk in Sicherheit wiegt, würde, auf dieses Symbol hingewiesen, es gedeutet haben: Die verdorbenen, ungenießbaren Feigen — das ist der losgesprengte, der Gesamtheit verlorene Volksteil, der eben nach Babel weggeführt ist; die guten — das sind wir, die wir mit dem Heiligtum als Volk Gottes im Lande Gottes zurückgeblieben sind. Nein, sagt Jeremia, gerade umgekehrt! Und dieses Umkehren erst ist die eigentliche dichterische Konzeption, der „Spruch Gottes". Nein, sagt Jeremia, gerade an den Versprengten wird Gott seine Macht erweisen, sie zurückführen und aus ihnen das Volk wieder aufbauen. Sie werden, durch Leiden geläutert, Gott erst wahrhaft erkennen. Sie sind die guten Feigen. Ihr aber, die ihr auch diese harte Lehre noch zu euren Gunsten auslegt, ihr Zurück-