Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Die Inspiration und die Form der Prophetie
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 520 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101161-3104992--3678-3105043- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
520 Elias Auerbach: Die Inspiration und die Form der Prophetie Hand Gottes über ihn." Hier ist es die Musik, die den als göttlich empfundenen Verzückungszustand herbeiführt.; Aber es ist bezeichnend für die Fortentwicklung des Prophetismus, daß Jeremia niemals von diesen — immerhin roheren — Mitteln einer älteren Zeit Gebrauch macht Seine empfindliche Prophetenseele spricht bereits auf rein geistige Anregungen an. Am ehesten entzündet sie sich am Gegensatze; wenn er Dinge sieht und hört, zu denen sein Gewissen nicht schweigen kann, kommt über ihn die „Hand Gottes". So ist es gewiß auch bei seiner großen Tempelrede (Kap. 7) gewesen. Er steht im Tor des Vorhofs und sieht die Scharen hineinströmen. Darunter sieht er manchen, der gestern noch einen armen Schuldner hart gedrückt hat, oder einen Grenzstreit mit einer Witwe durch Bestechung zu seinen Gunsten gewendet hat. Die Opfertiere bluten, die Brandopfer rauchen. Da faßt ihn, ihn allein unter den Tausenden, der Gedanke, daß dies nicht viel besser ist als Götzendienst, und treibt ihn, in flammenden Worten zum Volke zu reden, unbekümmert um die Wut der Priester — und auch des Volkes. Was aber, müssen wir fragen, gibt ihm hier und in zahlreichen anderen Fällen, so in den Reden gegen Nachbarvölker, das Recht, im Namen Gottes zu sprechen? Ist es einfach so, daß weil Er spricht, Gottes Wort ertönt? Das kann nicht sein; denn Jeremia unterscheidet sehr fein und grundehrlich, wann er als Person redet, und wann Gott aus ihm spricht. Mit der Erkenntnis, die wir gewonnen haben, daß der Prophet seinem Wesen nach Dichter ist und die unbegreifliche aus dem Unbewußtsein plötzlich auftauchende Konzeption des Dichters als göttlich empfindet, kommen wir auch hier zu größerer Klarheit. Wenn die Inspiration über den Propheten kommt, spricht er in Bildern und gehobener Rede, die ihm sonst fremd sind. Das ist weder Willkür noch Zufall; sondern weil eben das Wesen des prophetischen Ingeniums zu einem Teile mit dem des Dichters aufs engste verwandt ist, stehen Inhalt und Form hier im festen Zusammenhange von Ursache und Wirkung, in notwendigem Zusammenhange. Die künstlerische Form ist also primär und geht dem Bewußtwerden des göttlichen Rausches voran. Wenn „es" in Bildern und tönender Rede aus ihm spricht, so weiß und sagt der Prophet: Es geschah das Wort Gottes zu mir. Aber genau wie bei der Anregung durch „Gesichte" und aus den gleichen Gründen findet auch hier die „Vordatierung der Inspiration" statt. Die prophetische Erregung bebt nicht nur nach, sie bebt auch vor. Und so sagt Jeremia bei der Niederschrift: „Es geschah das Wort Gottes zu mir: Tritt ins Tor des Gotteshauses und rufe dies Wort." Auf diesem Wege sind auch die gewaltigen Gesänge auf den Skytbensturm, auf das abtrünnige Volk Gottes und alles Ähnliche mit ihren ewigen, glühenden Bildern für das Bewußtsein des Propheten und das Gefühl der Nachfahren: Worte Gottes durch Jeremia. Berlin Elias Auerbach