Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Die Inspiration und die Form der Prophetie
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 517 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Inspiration und die Form der Prophetie 517 dies: die Hand Gottes kam über ihn und er sprach. Jeremia aber, der mehr von seinen Seelenbewegungen spricht als irgendein anderer Prophet, läßt uns auch hier tiefe Einblicke in die Werkstatt seines Geistes tun und zeigt uns, daß es sich hier um etwas durchaus anderes handelt, als bei der Erschütterung der ersten Weihe. Denn die Bereitschaft zur Verkündung ist ständig vorhanden, es bedarf nur des Anstoßes, der Anregung. Wie diese Anregung sich häufig vollzieht, sei an besonders klaren Beispielen dargetan. — Jerusalem wird von den Chaldäern berannt und steht kurz vor dem Fall. Das übrige Land ist in ihren Händen, jeremia selbst sitzt im Wachthofe in Gewahrsam. In der Stadt wüten Hunger und Seuchen. Da kommt zu ihm sein Vetter Hanameel und bietet ihm, wohl aus bitterster Not, einen — unter diesen Umständen völlig wertlosen — Acker zum Kaufe an. Ein anderer würde das wunderliche Angebot lachend oder barsch abweisen. Jeremia aber horcht auf: „Da erkannte ich, daß es das Wort Gottes war, und kaufte den Acker." Er vollzieht den Kauf in aller Form Rechtens, als symbolische Handlung, und erläutert endlich dem verwundert den seltsamen Vorgang verfolgenden Volke das Symbol: ,,So spricht Gott: Noch wird man kaufen können Häuser, Felder und Weinberge in diesem Lande" (32, 6—15). Hier liegen Wurzel und Aufbau des prophetischen Spruches klar und greifbar zutage. Ein an sich gleichgültiges Erlebnis enthüllt sich dem ständig gespannten Prophetengeist als geheimnisvolle Beziehung. Das für ihn selbst Überraschende dieser blitzgleichen Intuition ist ihm Beweis, daß Gott zu ihm spricht, daß Gott durch seinen Vetter ihm etwas künden will. Aus dem kleinen Zufall wächst die große Fügung. Der äußere Anlaß löst die inneren Kräfte aus. Im Geiste des Propheten, der rückschauend seine Gesichte und Worte niederschreibt, vollzieht sich dann oft eine leise, aber sehr verständliche Verschiebung: da das Erlebnis ihm von Gott zugesandt sein muß, so wird es nicht mehr scharf als vorbereitendes Geschehen erkannt, sondern in die Inspiration hineinbezogen; die Inspiration wird vordatiert. Dieser Prozeß ist in unserem Beispiel bereits angedeutet durch den vorausgeschickten Satz (Vers 6 und 7): „Es geschah das Wort Gottes zu mir: Dein Vetter Hanameel kommt zu dir mit den Worten: Kaufe dir mein Feld." Trotzdem ist durch den treuen Bericht des Propheten der wahre Hergang mit völliger Sicherheit klargestellt, so wie wir ihn entwickelt haben. Ganz das nämliche zeigt uns ein zweites Beispiel. Nach Gedaljas Ermordung zieht eine flüchtige Schar, Jeremia in ihrer Mitte, südwärts. Kein Wort wird davon berichtet, daß der Prophet sie etwa sofort vor einer Flucht nach Ägypten gewarnt habe. In der Nähe von Bethlehem bitten die Flüchtlinge ihn um ein Gotteswort, das ihnen den Weg anzeigen möge, den sie gehen sollen. Jeremia antwortet zunächst nur: „Ich will beten; was Gott mir antworten wird, will ich euch künden." Aber er wartet vergeblich auf ein Gotteswort. In ihm bleibt alles still. Zehn Tage läßt er sie warten, wahrlich eine lange Frist für ungeduldige Frager, denen das Messer an der Kehle sitzt! Da beschließen sie den Marsch nach Ägypten; wie aus seiner folgenden Rede klar hervorgeht, vor Anhörung seines Rates. Erst der fertige Beschluß erweckt in ihm die untrügliche Gewißheit, die sein Zeichen der Gotterfülltheit ist, und er kündet ihnen das Wort Gottes, das den Zug nach Ägypten verbietet. — Auch hier also ist das Primäre der äußere Anstoß (42, 3—22).