Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1919-01-01 · Heft 11 · p. 516

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 11
Article
Die Inspiration und die Form der Prophetie
Date
1919-01-01
Page
516 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101150-3101161-3104992--3674-3105039
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Elias Auerbach: nicht mehr sprechen. Da ward es in meinem Herzen wie brennendes Feuer, eingeschlossen in meinem Gebein, ganz unerträglich, ich vermochte es nicht!" (20, 9). Suchen wir für dieses unwiderstehliche Drängen ein modernes Kunstwort, so kommt es uns sofort entgegen: der kategorische Imperativ. Es ist auch im Wesen dasselbe: der sittliche Urantrieb, dessen höchste Ausschließlichkeit nur wenigen Begnadeten, aber damit auch für Himmel und Hölle Gezeichneten zuteil wird. Der Prophet ist das sittliche Genie. Noch einem so späten Denker wie Kant erschien dieser kategorische Imperativ als die direkteste und klarste Offenbarung des Göttlichen am Menschen; wieviel mehr einem Jeremia! Zwei Jahrhunderte nach Jeremia bezeichnete der einzige Grieche, der von weitem an jüdische Weise und Propheten erinnert, Sokrates, sein sittliches Gewissen als sein „Daimonion", als eine in ihm und zu ihm sprechende göttliche Stimme. In allen ist es das gleiche Gefühl, das zu dieser Anschauung führt: die Unbegreiflichkeit, Unbedingtheit, Selbständigkeit, ja Fremdartigkeit dieses inneren Mahners, der — ein stärkster Trieb — gegen alle anderen Triebe sich ungestüm durchsetzt. Hat der Prophet einmal die Erleuchtung, die ihm wurde (,,der Weltlauf ist Gottes Gericht"), und den sittlichen Antrieb, dem er alle seine Willenskraft zu eigen gibt („du mußt künden und bessern") als göttlich erfaßt, so ist der grundlegende Akt vollzogen: die Berufung. An die Stelle der Unruhe tritt Klarheit, des Schwankens — unbeugsame Festigkeit, der Zurückhaltung — ungeheures Bewußtsein der Würde und Macht. Er ist Werkzeug Gottes, Künder seines Willens, und darum über alle Menschen, auch die höchsten, gestellt. Jeremia ist als Person immer bescheiden und zart geblieben; in seinem Amt ist er Fürst und oberster Richter. ,,Ich setze dich heute über Völker und Reiche." „Ich mache dich heute zur befestigten Stadt, zur eisernen Säule, zur ehernen Mauer über das ganze Land, über die Könige Judas, ihre Fürsten, Priester und Volk" (1, 18). Dieses Grundbewußtsein seines Prophetenberufes bleibt unverändert sein ganzes langes Leben hindurch. Die erste Inspiration ist in seiner Seele verankert als dauernder Willensantrieb, als unerschöpflicher Nährboden prophetischer Wirksamkeit. Dies aber, als Gesamtbestimmung, ist nur ein Teil der Prophetie. Es macht nur potentiell, der Möglichkeit nach, den Propheten. Schwächere, ärmere Geister mögen einmal, im gesteigertsten Augenblick ihres Lebens, oder durch Fasten, Beten und Kasteiungen, ein solches Erlebnis der Verzückung und Berufung durchleben. Es wird sich bei ihnen, gerade, weil keines Menschen Seele dauernd in der höchsten Leidenschaft und Inbrunst zu brennen vermag, zu der Vorstellung verflachen, daß durch dieses einmalige Erlebnis für alle Zeit ihr Wort das Wort Gottes, ihr Handeln Gottes Wille geworden, sie selbst damit zu Gottmenschen geworden sind. Dieser Art waren gewiß viele der „falschen" Propheten, und sicher die meisten der vielen Welterlöser, Messiasse und großen Schwärmer, die die Geschichte kennt. Der echte Prophet dagegen, wenn er den „Spruch Gottes" verkünden will, bedarf dazu jedesmal einer besonderen Eingebung. Es muß die „Hand Gottes", der „Geist Gottes" über ihn kommen. Meist erfahren wir eben nur

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.