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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 11 · p. 515

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 11
Article
Die Inspiration und die Form der Prophetie
Date
1919-01-01
Page
515 (sequence 2)
Language
German
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Die Inspiration und die Form der Prophetie Was aber den Tausenden seiner Volksgenossen nur Angst und die kleinliche Sorge um den morgigen Tag brachte, das wird dem Jüngling Jeremia zur großen Erweckung, zur Aufgabe. Gärende Gedanken, unklare Gefühle, tastender Wille schließen sich geheimnisvoll, weit unter der Schwelle seines Bewußtseins, zusammen und brechen urgewaltig, fremdartig aus ihm hervor. Er sieht es mit Zagen, fast mit Schrecken. Bin das noch ich, Jeremia ben Hilkia? Ich bin ein schwacher, schüchterner, weichherziger Jüngling; dies habe ich nie gewußt, nie gewollt, was jetzt in mir aufsteht und mich treibt. Aber es muß von Kindesbeinen an in mir vorbestimmt geschlummert haben, denn ich habe es nicht erlernt, erworben, erhorcht. Woher aber ist dieses Fremde und doch wonnevoll Vertraute, das über alle Dämme bricht wie ein brausender Strom, in ihn gekommen? Es ist weltenfern von aller Weisheitslehre, Tagesklugheit, Verstandesarbeit: es ist Gesetz, Forderung, Herr, Zwang, Rausch, Qual und Lust, Sieg und Vernichtung, Leben und Tod. Woher kommen ihm mit einem Male seltsame Reden in den Mund, fliegen ihm Bilder zu, formen sich tönende Worte zum Gesang? — Der Jude des siebenten Jahrhunderts kann nur eine Antwort finden: Diese unbekannte Kraft ist Gott. Wie haben wir uns dieses „Schauen Gottes" vorzustellen? Vergleicht man das Berufungserlebnis Jesaias oder gar Ezechiels, so springt ein starker Unterschied sofort in die Augen. Bei diesen Propheten sind es wirkliche Visionen, bei Jesaia als dramatisches Erlebnis im Tempel, bei Ezechiel als phantastische Halluzination. Daß dies nicht zum Wesen der Berufung gehört, zeigt uns Jeremia. Hier ist keine Gotteserscheinung, keine Engelsgestalt erschaut und gezeichnet. Das hätte dieser ehrlichste der Menschen anders gesagt. Es klingen nur Stimmen in Rede und Gegenrede, die ohne Zwang, wie alle späteren Gottesworte Jeremias, als Stimmen der Prophetenseele verstanden werden können. Soweit Worte Unsagbares ausdrücken können, sind in diesen Sätzen furchtbare innere Erschütterungen rückschauend und abschließend gestaltet Ist dies weniger göttlich? Es sind Tage, an denen der mit sich und mit Gott ringende Prophet nicht an Essen, Trinken und Schlafen denkt, an denen ein leises Wort ihn schmerzhaft stört, das Brausen des Wasserfalls und das Heulen des Sturmes ihn beruhigt. Der Ansturm der Skythen, seinen Volksgenossen ein grauenvolles Naturereignis, offenbart sich seinem priesterlichen, auf Gott von jeher eingestellten Geiste als die Geißel Gottes (5, 15 und v. a.). Er sucht nach der Schuld seines Volkes — und braucht nicht lange zu suchen; es ist voller Schuld. Diese enge Verknüpfung von Schuld und Strafe steht an der Wurzel aller jüdischen Prophetie. Der Satz Jesaias: Wehe, sündiges Volk! ist nur im Judentum möglich; keinem Führer eines anderen Volkes konnte; es beifallen, sein ganzes Volk in dieser Weise auf die Wage der Sittlichkeit zu legen. In Jeremias Seele aber verlangt diese erste grundlegende Erkenntnis gebieterisch, ausgesprochen zu werden. Er hat sie erfaßt, er muß sie künden. Da gilt keine Scheu, kein Bedenken, kein Hindernis: es geht um Sein und Nichtsein. Der stille und überlegene Weltverächter mag erkennen und schweigen; der Prophet hat nicht die Wahl, ob er schweigen oder sprechen will. „Ich kann nicht schweigen, denn, meine Seele hört Posaunenlärm und Kriegsgetümmel" (4, 19). „Ich dachte, ich will nicht mehr daran denken und in seinem Namen 33*

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