Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Die Inspiration und die Form der Prophetie
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 514 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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514 Elias Auerbach: DIE INSPIRATION UND DIE FORM DER PROPHETIE*) Es kann nicht unsere Absicht und soll nicht unsere Aufgabe sein, hier die Frage nach der Offenbarung des Göttlichen im Menschengeiste aufzuwerfen, eine Frage, die jedes religiöse Gemüt auf seine Art empfindet und beantwortet. Wir gehen vom Menschen aus, als dem Träger der prophetischen Inspiration, und versuchen zu ihrem Wesen von ihren Äußerungen her vorzudringen. Freilich, eines muß von allem Anfang klar sein: so wenig es gelingen kann, das Wesen des genialen Schaffens überhaupt, insonderheit des künstlerischen, schleierlos zu enthüllen, so wenig es gelingen kann, menschliche Willensimpulse und sittliche Wertungen in ihre letzte Wurzel zu verfolgen, so wenig wird es möglich sein, in die innersten Gründe der Seelenerlebnisse des Propheten hinabzusteigen. Aber fragen müssen wir: Wie kann es geschehen, daß dieser Mensch, dessen äußere Gestalt als Jeremia ben Hilkia umherwandelt, sich als das Gefäß göttlichen Willens empfindet, daß er inmitten eines Erlebnisses oder Gespräches plötzlich sagen darf — ohne zu lügen! —: So spricht Gott! Auf diese Frage gibt uns keiner der Propheten eine so vollständige und klare Antwort wie Jeremia, und darum wird sein Buch bei allen Völkern und zu allen Zeiten Ewigkeitswert behalten.] Zwei Dinge scheiden sich scharf innerhalb seiner „Inspiration". Das eine ist die dauernde Grundstimmung, die seinem ganzen Wirken die Richtung gibt, von ihm selbst als beherrschende Kraft empfunden wird und ihm das Recht gibt, sich als „Mann Gottes" zu bezeichnen. Das andere ist die Erleuchtung des Augenblicks, wenn „die Hand Gottes über ihn kommt" oder „die Stimme Gottes zu ihm spricht". Die Berufung zu seinem Amte als Prophet, die einmal geschehen für sein ganzes Leben gilt, erzählt er in erhabener Einfachheit, kein Wort zu viel, keines zu wenig. „Es erging das Wort Gottes an mich: ,Bevor ich dich bildete im Mutterleibe, habe ich dich erkannt, bevor du den Mutterschoß verließest, habe ich dich geweiht: zum Propheten für die Völker habe ich dich gesetzt/ Da sprach ich: Wehe, mein Herr Gott, ich habe nicht gelernt zu reden, denn ich bin jung. Und Gott sprach zu mir: ,Sprich nicht: ich bin jung. Sondern wohin ich dich sende, geh, was ich dir gebiete, sprich. Fürchte dich vor niemand, ich bin mit dir, dich zu retten.4 Und Gott reckte seine Hand aus, rührte meinen Mund und sprach: ,Meine Worte habe ich in deinen Mund gelegt. Sieh, ich bestelle dich heut über die Völker und Reiche, auszujäten und niederzureißen und zu vernichten und zu zertrümmern — zu bauen und zu pflanzen/ Für diese Berufung gibt Jeremia den genauen Zeitpunkt an: das 13. Jahr König Josias, 626 v. Chr. Und das ist außerordentlich wichtig. Es ist das Jahr des großen Skythensturmes, als nordische Horden über ganz Vorderasien dahinbrausten und, unfähig zu einer Neugestaltung der Dinge, nur Verwüstung und Schrecken zurückließen. Jeremia stand etwa im 23. Jahre, in der Zeitspanne, wo das Leben des Mannes sich entscheidet. *) Aus einem demnächst im Jüdischen Verlag erscheinenden Buch über die Prophetie.