Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Das moderne Hep! Hep!
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 508 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101161-3104991--3665-3105031- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
George Eliot: Ire braucht sich zu melden" genau dem Satze entspricht, der für viele gebildete Leute die ganze Judenfrage zusammenfaßt: „Ich habe die Juden nie ausstehen können." Es ist sicherlich der Erwägung wert, ob nicht ein Volk, das Jahrhunderte lang ohne Vaterland, ohne Nationalität, unter einer feindseligen Bevölkerung lebt, unvermeidlich am Adel seiner Seele irgendeine Einbuße erleiden muß. Wenn sie die ihnen vorgeworfene Absonderung aufgeben, laufen sie Gefahr, in eine fast zynische Gleichgültigkeit gegen alles Nationale zu verfallen und nicht jene innige Verbundenheit mit der sie unmittelbar umgebenden Nationalität zu erlangen, die sie einigermaßen für das so lange Entbehrte entschädigen könnte. Kein leidenschaftsloser Beobachter kann diese Gefahr leugnen. Sehen wir doch das gleiche an unseren eigenen Landsleuten, die gewöhnlich kein Vorbild moralischer Gesundheit darstellen, sobald sie ins Ausland gehen ohne einen Zweck oder ein Amt, das ihnen den Sinn für ihre Verbundenheit mit den Angelegenheiten ihres Landes erhalten könnte. Aber das Bewußtsein, ein Mutterland zu besitzen, den Schauplatz gemeinsamer Jugenderinnerungen und geistiger Gewohnheiten, wo ihnen ein verlassener, doch geliebter Herd steht, der Stolz, sich einem Volke zurechnen zu dürfen, das Anteil am freundlichen Einvernehmen der Völker und dem immer stärker werdenden Zusammenschluß der ganzen Welt hat, dieses Gefühl einer besonderen Zugehörigkeit, die Quelle aller menschlichen Tugenden, der öffentlichen wie der privaten — all diese geistigen Bande werden die ausgewanderten Engländer immer noch vor den schlimmsten Folgen ihrer freiwilligen Zerstreuung bewahren. Fraglos müssen die Juden, die räumlich und zeitlich mehr als irgend ein anderer Stamm den verderblichen Einflüssen des Lebens unter Fremden ausgesetzt waren, sowohl als Individuen wie als Gemeinschaft eine entsprechende moralische Einbuße erlitten haben, aber in Wirklichkeit zeigen sie weniger Entwürdigung und wilde Feindseligkeit gegen die Völker, deren Opfer sie einst waren, als es bei einem Volke möglich gewesen wäre, das weder die Anhänglichkeit an eine besondere auf geschichtlichen Erinnerungen gegründete Religion noch ihren charakteristischen Familiensinn besaß. Obgleich die Juden gemartert, geschlagen, angespien wurden, obgleich sie das corpus vile waren, an dem Wut oder Mutwillen sich straflos Luft machten, obgleich ihr Name von Aberglauben, Haß und Verachtung ihnen als Schimpfwort entgegengeschleudert wurde, sind sie auf ihren Ursprung stolz geblieben. Kann irgend jemand diesen Stolz tadeln? Doch höchstens derjenige, der als Demokrat eine besondere Abneigung gegen Herzöge und Grafen hat und dabei die Welt glauben machen möchte, sein Vater wäre ein vornehmer Müßiggänger gewesen, während er in Wirklichkeit ein ehrsamer Handwerker war, oder auch jemand, der sich geschmeichelt fühlen würde, wenn man ihn für etwas anderes als einen Engländer halten würde. Vielleicht sind wir Engländer zu anmaßend und bilden uns zu viel ein auf unser Blut oder auf unsere Berufung, aber eine solche Anmaßung ist Tugend im Vergleich zu dieser niedrigen Verleugnung des eigenen Wesens. Der Stolz, der uns mit einer großen historischen Gemeinschaft verbindet, hat etwas Versittlichendes, die Seele Erhebendes und regt uns an, ein Opfer an persönlicher Bequemlichkeit, an Gewinn oder an jedem selbstsüchtigen Ehrgeiz zu bringen, um dem idealen Ganzen zu dienen. Ein von solchen Gesinnungen beherrschter Mensch wird niemals zu völliger Verworfenheit herabsinken. Daß z. B. ein Jude in Smyrna, wo Reisende die allzu aufdringlichen Vertreter seines Stammes mit der Peitsche sich fern halten, noch den Stolz hat zu sagen: „Ich bin ein Jude", verdient sicherlich die Bewunderung eines jeden, der ein Verständnis