Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Das moderne Hep! Hep!
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 506 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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George Eliot: der ganze Verlauf der europäischen Geschichte scheint geradezu planmäßig darauf angelegt, die Juden in ihrer Abgeschlossenheit zu verbittern und ihnen einerseits Verachtung für die wölfische Heuchelei einzuflößen, welche Opfer aus ihnen machte, andrerseits das triumphierende Gefühl der Überlegenheit, wenn ihr eigener Wohlstand auf Kosten der Tölpel wuchs, die sie gewaltsam von der offenen Straße der Werte schaffenden Arbeit hinausdrängten. Oder die nicht so Unentwegten mußten ermuntert werden zu einem lügenhaften Sichanpassen, zu einer Scheinbekehrung um der mit der Taufe verbundenen sozialen Vorteile willen, zu einem äußerlichen Verzicht auf die überlieferten Bindungen ohne wirkliche Liebe für die Gesellschaft und für den Glauben derer, die diesen schmerzlichen Tribut von ihnen forderten. Oder endlich mußten in den elendsten Vertretern des Stammes unerhörte hassenswürdige Laster großgezogen werden, die sie ungehemmt in den Dienst reicher Männer mit schlechten Neigungen stellten und so skrupellos das fremde Volk peinigten, das sie selbst peinigen wollte, . Kein Wunder, wenn auch die Juden ihre Laster haben. Kein Wunder, wenn sich feststellen ließe, was aber bis jetzt noch nicht der Fall zu sein scheint, daß einige unter ihnen sich im Bösen ganz besonders hervortun und ein Übermaß ohne gleichen in der Verderbtheit aufweisen. Viel berechtigter wäre die Verwunderung über die -Tugenden, die im Schatten der Bedrückung unter ihnen gediehen. Doch anstatt bei diesen Tugenden zu verweilen oder als zugegeben anzusehen, was ja Keckheit und Unwissenheit leugnen können, wollen wir uns lieber auf die lauten Behauptungen der Gegner stützen. Die Juden, so sagt man, widersetzten sich mit zähem ■Eifer der Erweiterung ihrer Religion zum Christentum, sie machten gewöhnlich kein Hehl aus ihrem Abscheu vor dem Kreuz, und betrachteten den Namen Christi als Anathema. Wer lehrte sie das? Dieselben Männer, die den Namen Christi zum Symbol des Geistes der Rache machten, und denen, was noch schlimmer war, der Vollzug der Rache nur ein Vorwand war, um ihre eigene Wildheit, ihre Gier und ihren Neid zu befriedigen, dieselben Männer, welche mit dem Namen Christi eine barbarische und täppische Kopie des heidnischen Fatalismus deckten, indem sie die Worte „sein Blut komme über uns und über unsere Kinder" als eine von Gott buchstäblich erteilte Vollmacht betrachteten, durch alle Geschlechter ihre Grausamkeit an dem Volke auszulassen, aus dessen heiligen Schriften Christus seine Lehre geschöpft hatte. Sonderbarer Rückschritt bei den Bekennern einer weit verbreiteten Religion, welche sich rühmten, eine über die Lehre der hebräischen Propheten hinausgehende geistige Erleuchtung zu besitzen! Denn die hebräischen Propheten verbündeten einen Gott, der Barmherzigkeit mehr als Opfer verlangte. Auch die Christen -glaubten zwar, daß Gott sich nicht an dem Blute von Widdern und Stieren erfreue, aber sie stellten sich ihn anscheinend vor, als bedürfe er zu seiner Befriedigung der Seufzer, des Jammers, des Blutes und des gerösteten Fleisches der Menschen, deren Vorväter bildlich gemeinte Verheißungen von einem irdischen Königtum, das nur einen geistigen Vorzug bedeutete, mißverstanden hätten. War das die Art und Weise, wie Christus seinen Anspruch auf die Messiaswürde den Herzen und dem Verständnis der Nation, in der er geboren war, empfohlen zu sehen wünschte? Viele seiner Aussprüche tragen den Stempel jenes Patriotismus, welcher zunächst die eigenen Landsleute in den Kreis der Liebe und Pflichten zu ziehen sucht. Und bezogen sich die Worte: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" nur auf den Hauptmann und seine Schar, und war dabei jeder anwesende Hebräer von der Gnade des Vaters und dem Erbarmen des Sohnes stillschweigend ausgenommen,