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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 11 · p. 502

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 11
Article
Das moderne Hep! Hep!
Date
1919-01-01
Page
502 (sequence 4)
Language
German
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502 George Eliot: die wenn auch nicht heute, so doch in Erinnerungen vergangener Tage existiert, wie ein hingeschiedenes unsichtbares geliebtes Ideal, das einst Wirklichkeit war und in Zukunft vielleicht wieder neu erstehen wird. Das gemeinsame Menschentum gibt noch nicht hinreichende Nahrung für den kräftigen Blutstrom vielseitiger Tätigkeit, der den ganzen Menschen macht. Noch ist die Zeit nicht gekommen, wo der Kosmopolitismus zur Entfaltung der höchsten Tugend genügt, so wenig wie der Kommunismus zur Erzeugung der sozialen Energie. Ich fühle mich nicht verpflichtet, für einen Chinesen so zu fühlen wie für meinen Landsmann, Ich darf ihn nicht durch Opium demoralisieren und ihn nicht meinem Willen unterwerfen, indem ich die Früchte seiner Arbeit zerstöre oder raube unter dem Vorgeben, daß er nicht kosmopolitisch genug sei, ich darf ihn nicht beschimpfen, weil er einen anderen Kleiderschnitt, eine andere Religion hat, wenn er als friedlicher Gast in den Straßen wandelt; aber Liebe, Denken, Pflicht strahlen von einem Mittelpunkte aus, und die Natur hat entschieden, daß für uns Engländer weder China noch Peru dieser Mittelpunkt sein kann. Die meisten von uns fühlen das instinktiv. Denn die Sucht, alles Eigene zu unterschätzen und für sein eigenes Land zu fein zu sein, ist nur eine Schrulle weniger, die nicht erheblich ins Gewicht fallen. Was uns fehlt, ist die Anerkennung, daß eine solche Anhänglichkeit an die eigene Nationalität ebenso berechtigt ist bei jeder anderen Nation, und das Verständnis dafür, daß ihr Nichtvorhandensein das Fehlen des größten Gutes bedeutet. Denn um das Gesagte zusammenzufassen, nicht nur der Adel einer Nation, sondern der Adel jedes einzelnen Bürgers hängt vom Vorhandensein dieses natürlichen Bewußtseins ab. Unsere Würde und unsere Redlichkeit stehen im Verhältnis zu unserem Gefühl der Verwandtschaft mit etwas Großem, Bewundernswertem, das die höchsten Möglichkeiten in sich trägt und jedes Opfers wert ist, mit etwas, was uns dauernd zur Selbstzucht und Bewältigung unseres Ich begeistert, durch Aufstellung von Zielen, die größer und für unser besseres Teil anziehender sind, als die Sicherung persönlichen Behagens und Gedeihens. Und ein Volk, das im Besitze dieses Gutes sich befindet, sollte doch gewiß nicht bloß tatkräftige Sympathie für die Bemühungen derer empfinden, welche nach Verlust dieses Gutes um seine Wiedererlangung ringen, sondern ein tiefes Mitgefühl für jede Erniedrigung, die sie infolge dieses Verlustes zu erleiden haben; ja sogar mehr als Mitgefühl, wenn glücklichere Nationen sich diese Unglücklichen zum Opfer ausersehen haben, deren Traditionen noch dazu die eigentliche Quelle sind,aus welcher die Verfolger ihre gepriesensten Segnungen herleiten. Solche Ideen sind geläufig. Wenige werden sie in abstracto falsch finden, ja viele werden sogar laut ihre Zustimmung zu erkennen geben, wenn es sich um den einen oder anderen besonderen Fall handelt. Aber hier zeigt sich (wie auch sonst bei der übereifrigen Anwendung einer Idee) ein auffallender Mangel an einfacher Vergleichungsgabe oder an Empfindung für Ähnlichkeiten. Die europäische Welt hat sich lange gewöhnt, die Juden als etwas ganz Exzeptionelles zu betrachten, und als nur natürliche Folge davon wurden sie von den Regeln der Gerechtigkeit und Nachsicht, die auf der Gleichheit der Menschen fußen, ausgenommen. Aber ein Volk, dessen Ideen die Religion der halben Welt bestimmt haben, und das den bedeutendsten Kampf gegen die römische Macht geführt hat, als einen rein exzeptionellen Stamm zu betrachten, ist ein aller Moral hohnsprechender Verstoß gegen Vernunft und Wissen, eine verstandeswidrige Ungereimtheit geschichtlicher Auslegung. Auf solche Weise wäre jede Nation mit ausgesprochenem Charakter, mit stark ausgeprägter Eigenart exzeptionell zu nennen. Die unterscheidende Note

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