Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Das moderne Hep! Hep!
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 501 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101161-3104991--3658-3105024- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das moderne Hep! Hep! derswoher zu haben. Die Männer, welche unsere Nation schufen, waren keine Christen, obgleich sie ihr Werk Jahrhunderte nach Christi Geburt begannen, und sie hatten eine entschiedene Abneigung gegen das Christentum, als es ihnen zuerst entgegentrat: sie waren keine Monotheisten, und ihre Religion war das Gegenteil von geistig. Aber seit wir glücklich genug sind, unsere Inselheimat zu besitzen, die sie für uns gewonnen haben, und im großen und ganzen immer gut gediehen, indem wir weit mehr darauf ausgingen, andere Länder zu erobern und zu verwüsten, als daß wir gezwungenermaßen dort Schutz gesucht hätten, machte uns niemand einen Vorwurf daraus, daß unsere Väter vor 1300 Jahren Odin anbeteten, Briten massakrierten und schwer zur Annahme des Christentums zu bewegen waren, da sie nichts von hebräischer Geschichte und von den Gründen wußten, warum Christus als der Heiland des Menschengeschlechts angenommen werden solle. Die rothäutigen Indianer, die uns nicht hold gesinnt waren, als wir uns bei ihnen niederließen, hätten uns wohl gern solche Tatsachen ins Gesicht geschleudert", aber sie waren zu unwissend, und überdies bedeutete ihre Meinung nichts, da wir, wenn wir wollten, sie ausrotten konnten. Die Hindus haben jedenfalls auch ihren Groll gegen uns gehegt und hegen bisher noch genug Übelwollen, um abfällige Bemerkungen über unseren Charakter zu machen, besonders über unsere historische Raubgier und die Einbildung auf unsere Überlegenheit. Sie sind vielleicht keine Bewunderer der gewöhnlichen englischen Physiognomie und haben sich noch nicht zu unserer englischen Speisekarte bekehrt. Aber obgleich wir nur gering an Zahl und als fremde Rasse das Land und die Arbeit dieses vorurteilsvollen Volkes ausnutzen, sind sie doch nicht imstande, uns hinauszuwerfen. Wenigstens erwiesen wir ihnen ihren Irrtum, als sie es versuchten. Wir nennen uns nicht ein zerstreutes und bestraftes Volk: wir sind ein kolonisierendes Volk und wir sind es, die andere bestraft haben. Und doch führt uns der Historiker auf den rechten Weg, wenn er uns dazu anhält, nacheifernd die Tugenden unserer Vorfahren zu üben und unser Bewußtsein einer gemeinsamen Abstammung als ein verpflichtendes Band zu hegen. Die Bedeutung, der Adel eines Volkes hängt von seiner Fähigkeit ab, sich durch Erinnerungen anregen zu lassen und dem nachzustreben, was wir geistige Ziele nennen, solche Ziele, welche nicht in unmittelbarem materiellem Besitz, sondern in der Befriedigung eines Hochgefühls bestehen, das allen Gliedern des Volkskörpers gleichsam eine einzige Seele gibt. Ein Volk, das die Anlage zu höherer Würde in sich trägt, muß in seiner innersten Seele einen Nachhall spüren, wenn es an den Tod seiner Helden gemahnt wird, die für die Erhaltung seiner nationalen Sache in den Tod gingen, wenn es erinnert wird an seine kleinen Anfänge, wie es dann schrittweise wuchs durch überstandene Mühen und Kämpfe, solchen wie sie noch heute von ihm verlangt werden, damit die so ererbte Freiheit und Wohlfahrt unverkürzt Kindern und Kindeskindern erhalten bleibe, wenn gegen die Zulassung von Ungerechtigkeit auf große Präzedenzfälle in seiner Geschichte und den in seinen Institutionen lebenden besseren Geist hingewiesen wird. Diese lebendige Kraft des gemeinsamen Fühlens ist es, welche das nationale Bewußtsein ausmacht. So hoch gestimmte Nationen werden feindlicher Eroberung selbst mit den Brüsten ihrer Frauen sich widersetzen, werden ihr Gold und ihr Blut opfern, wenn es gilt, die Sklaverei abzuschaffen, und einmütig Hunger und jedes andere Elend ertragen, sie werden Dichter hervorbringen, die ,,die große Geschichte eines Menschen" singen, und Denker, deren Theorien die Probe der Praxis bestehen werden. Der Einzelne muß, um zu harmonischer Größe zu gelangen, einer derartigen Nation angehören,