Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1919-01-01 · Heft 11 · p. 494

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 11
Article
Ein nationales Volksgesundheitsamt
Date
1919-01-01
Page
494 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3101111-3101150-3101161-3104990--3650-3105017
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

494 David Arjeh Friedmann: den zerstörenden und entstellenden Wirkungen der Epidemien und der ihnen folgenden Nervosität und seelischen Erschöpfung standzuhalten. So mehrt sich Siechtum und Verelendung bei den Völkern der Welt. Schlimmer noch steht es um unser Volk, das sich in allen Ländern seiner Zerstreuung in besonderen, der Volksgesundheit besonders gefährlichen Verhältnissen befindet und ganz in der kranken, verseuchten Menschheit steckt, ohne eine besondere Möglichkeit zu besitzen, sich rechtzeitig in acht zu nehmen oder heilen zu lassen. Bedenken wir nun, daß schon vor dem Kriege auf vielen jüdischen Ärzten, die inmitten ihres Volkes wohnten, der entsetzliche Gedanke einer körperlichen nationalen Entartung lastete und daß der Krieg überall gerade unser Volk besonders schwer heimgesucht hat, so müssen wir einsehen, daß wir am Rande eines Abgrundes stehen, vor dem kein politischer Sieg und keine territoriale Eroberung uns retten kann, es sei denn, daß wir dem Unheil zuvorkommen. Denn unser Volk nähert sich dem Untergang. Schon vor dem Krieg waren die meisten körperlichen und auch viel geistige und psychische Krankheiten bei den Juden weit stärker vertreten als bei den anderen Völkern. Die allgemeinen Maßstäbe der Lebenskraft, wie Brustumfang, Größe, Geburtenüberschuß, waren schlecht. Nun sind zur jüdischen Pathologie noch all die Folgeerscheinungen des Krieges und der Wirren und Unruhen hinzugekommen, die der größte und wertvollste Teil unsres Volks hat durchmachen müssen. In dem geschwächten und überhaupt minderwertigen Körper unserer Brüder fanden nicht nur die Tuberkulose-Bazillen ein weites Feld für ihre vernichtende Tätigkeit, auch die Geschlechtskrankheiten drangen so weit in unser Volk, daß sie seinen Fortbestand bereits ernstlich in Frage stellen. Denn die Verwilderung und der Leichtsinn, die die Heere auf dem Wege von der Garnison bis zur Front und zurück begleiteten, haben das Blut unserer Söhne und Töchter mit oder ohne ihr Verschulden vergiftet. Hinzu kommt die Ansteckung bei den Vergewaltigungen, die von den zügellosen Horden zu Anfang des Krieges in Polen und Galizien, jetzt bei seinem Ausgang in der Ukraine an reinen jüdischen Mädchen begangen worden sind. Diese Unglücklichen, soweit sie am Leben geblieben sind, werden die Krankheiten ihrer Vergewaltiger nur zu bald in die jüdischen Familien verpflanzen. Dann tritt also zu den vielfachen äußeren Anlässen der körperlichen Verkümmerung unserer Nation noch das Aufwachsen einer neuen Generation, die den Kern des geistigen Verfalls im Schöße trägt, denn der Herr des Lebens ahndet Schuld und Unglück der Väter an den Söhnen bis ins dritte und vierte Geschlecht. Und wie viele, viele Zufälle und Schicksalsschläge drohen sonst noch unserem Stamm die Vernichtung an. Darum steht es uns nicht an, die Gefallenen und Erschlagenen, die Opfer des Kriegs wie die Opfer des „Friedens", zu beweinen, wenn auch unter ihnen die Zahl der Jungen und Gesunden sehr beträchtlich ist, sondern den Überlebenden müssen wir unsere Sorge doppelt und dreifach widmen. Denn daß diese, die Augenzeugen des Mordens und Folterns waren, dem ihre Brüder in der Ukraine anheimgefallen sind, nicht ohne seelischen Schaden geblieben sein können, wird auch ein Fremder verstehen. Und wenn sie auch nicht sofort den Verstand verloren haben, müssen sich doch früher oder später die Folgen der Tragödie im Zimmer des Arztes zeigen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.