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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 11 · p. 495

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 11
Article
Ein nationales Volksgesundheitsamt
Date
1919-01-01
Page
495 (sequence 4)
Language
German
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Ein nationales Volksgesundheitsamt 495 Wie muß, weiter, eine Jugend geartet sein, die an Blutvergießen und Gewaltakte gewöhnt ist, wie die Jugend in Nordrußland, oder an unendliche aufs tiefste demütigende Schikanen und Vergewaltigungen, wie die in Polen? Wie kann es um den körperlichen und geistigen Zustand, um die Lebensfähigkeit der Kinder stehen, die in den Jahren des Hungers und Mordens aufwachsen? Wie kann mit ihnen ein Volk seine Ruinen neu aufbauen? Deshalb muß jeder, der an die Zukunft unseres Volkes denkt, in Palästina wie im Galuth, schleunigst für die Wiederherstellung des nationalen Organismus Sorge tragen. Sonst könnte der Patient sterben, bevor der Arzt kommt. Wer kann denn sagen, ob nicht in Bälde Judentumsfrage und Judenfrage zur Frage des jüdischen Körpers werden? Eines ist ja schon jetzt klar: Ein Volk von Neurasthenikern und Hysterikern, von Leuten ohne Ausdauer beim Tun und beim Denken, von, im übertragenen wie im eigentlichen Sinne, Kurzsichtigen, ein Volk von Schwachen, Kranken und Kleinmütigen — kann es gesundes Leben schaffen? Sollte daher nicht unsre erste Sorge seine Gesundung, Heilung und Kräftigung sein? Selbstverständlich meinen wir damit nicht die Gründung von Turnvereinen. Vor dem Kriege mag es den Zionisten und Nationalisten genügt haben, Sport zu treiben, aber obwohl auch das einen gewissen Wert für die Jugenderziehung hatte, hat und haben wird, so handelt es sich jetzt doch um verwickeitere, umfassendere Fragen. Jetzt ist das ganze Volk vor dem Untergang zu retten, und Millionen jüdischer Körper bedürfen der Kräftigung. Ein gesundes Geschlecht müssen wir schaffen nicht nur in und für Palästina, sondern auch in und für das Galuth. Zweifellos bedarf diese Arbeit besonderer Sorgfalt, aber die größten und dem Volke am nächsten stehenden nationalen Organisationen sind wohl am ehesten dazu verpflichtet. Zeit ist es, ein nationales Gesundheitsamt für das ganze Volk zu schaffen. Dieses Amt hat alle unverbrauchten, gesunden Kräfte des Volkes zu wecken und all seine körperlichen und geistigen Angelegenheiten unter dem Gesichtspunkt der Hygiene und der Förderung des konkreten Menschenmaterials zu überwachen. Das Nationalamt hat mittels seiner Landeskommissionen für die Aufklärung des Volkes und all das zu sorgen, was die Verschönerung des körperlichen Lebens, den Mütter- und Kinderschutz, die gehörige Pflege der Säuglinge, die Erziehung der Kinder und die Jugendfürsorge, die Belehrung der Erwachsenen und die Regelung der mit der Ehe zusammenhängenden eugenischen Fragen betrifft, und zwar unter dem Gesichtspunkte des öffentlichen Wohls. Jede einzelne dieser Fragen ist eine Wissenschaft für sich, und zahllose Regeln für ihre Behandlung sind bei andern Völkern bereits gefunden. Das Nationalamt hat durch seine Landesabteilungen Volksheilstätten für Lungenkranke und unentgeltliche Krankenhäuser für Geschlechtskranke zu eröffnen, es hat ferner im Volk klare und ausreichende Kenntnis von den Fordetungen der privaten und öffentlichen Hygiene zu verbreiten und Sonderschulen für zurückgebliebene kranke und gebrechliche Kinder zu gründen. Es hat endlich

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