Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Ein nationales Volksgesundheitsamt
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 493 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein nationales Volksgesundheitsamt 493 Doch ganz allmählich kommt der wunde, vergiftete Menschengeist zur Besinnung, zur Ernüchterung, und sicherlich wird sich bald der Hilfeschrei des gebrochenen, geschändeten Körpers vernehmbar machen. Durch das Dunkel, das immer noch auf der Menschheit lagert, dringt bereits hie und da der Ruf nach dem rettenden Bruder, aber erst wenn der Morgen anbricht und einer den andern und auch sich selbst mitsamt allen Wunden, Schäden und Gebresten erkennen kann, wird der nahende Untergang überall entdeckt werden. Denn der Krieg hat nicht nur die frischesten, jugendlichsten Elemente aller Völker hinweggerafft und damit die Lebenskraft und die Möglichkeit des biologischen und auch des geistigen Fortschritts herabgesetzt, nicht nur so und so viel tausend Menschen zu Krüppeln und Invaliden gemacht, er hat weiter seine Opfer auch unter allen denen in Fülle gesucht, die an ihm teilgenommen haben und ohne sichtbaren Schaden ihm entfliehen konnten, und unter denen, die mit den mit versteckten Leiden Behafteten in nähere Berührung gekommen sind. So ist niemand aus dem Kriege heil hervorgegangen, und bei allen Völkern, die an dem fürchterlichen Massenmord beteiligt waren, haben die verschiedensten Seuchen in erschreckender, besorgniserregender Weise zugenommen. Schon vor dem Kriege hatten die Lungenschwindsucht und die Geschlechtskrankheiten, insbesondere die Syphilis, sowie viele andere epidemische Krankheiten offen oder versteckt stark an Verbreitung gewonnen, und die von diesen Flüchen der Menschheit drohende Verkümmerung und Verelendung breiter Massen gab den Hygienikern und Eugenikern reichlich zu denken. Mancherlei Anzeichen des Niedergangs hafteten schon damals dem Körper der Menschheit an und bildeten den Gegenstand der Diskussionen von Fachleuten, die auf Abhilfe bedacht waren. Da kam der Krieg und machte selbst die wenigen Siege zunichte, die der Mensch im Kampfe mit seinen schlimmsten, weil heimlichen Feinden hatte erringen dürfen. Der Gesundheitszustand ist bei manchen Völkern um ein bedeutendes schlechter geworden als vor dem Kriege. Es ist so weit gekommen, daß in bezug auf die Abwehr der Tuberkulose sogar das früher so gut organisierte Preußen, gemessen an der allgemeinen Verseuchung, auf die Stufe von 1870 zurückgekommen ist. Deshalb waren die Debatten im preußischen Abgeordnetenhaus über die Zunahme der Tuberkulose und die Mittel zu ihrer Bekämpfung so überaus heftig. Auch gewisse ansteckende Hautkrankheiten stiegen in Deutschland von 2 auf 3O°/0> und die Geschlechtskrankheiten sind so furchtbar verbreitet, daß die nicht mit ihnen behafteten Männer und Frauen beinahe zu zählen sind. Ebenso steht es in anderen Ländern, und in den Ländern niedrigerer Kulturstufen steht es noch schlimmer. Denn die besonderen Lebensbedingungen vor allem der mobilisierten 20 Millionen Menschen vermehrten die Möglichkeiten der Infizierung mit den langsam ansteckenden Krankheiten, die längere Zeit verborgen bleiben und häufig unmerklich erworben werden. Diese Bedingungen sind in Osteuropa noch gar nicht verschwunden, und auch in Mitteleuropa werden sie zum Schaden der Menschheit durch die in den deutschen und slawischen Ländern herrschende politische und soziale Verwirrung erhalten. Auch die mehrjährige Hungerperiode, unter der der größte Teil Europas noch immer leidet, hat die Körper sehr geschwächt und ihnen die Kraft genommen,