Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Perspektiven
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 491 (sequence 4)
- Language
- German
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Perspektiven 491 Die Kehrseite aber bedeutet ungeahnt viel: das, was schon Heß und Pinsker gefordert haben, die interterritoriale Lösung der jüdischen Frage, wird heute auch von den heftigsten Gegnern einer solchen Lösung — der assimilatorischen Großbourgeoisie von rechts und des „Bund" von links — anerkannt Vergessen wir nicht, daß die Assimilation (von links wie rechts) das Volk — die ewig lebendige, schöpferische Kraft — leugnete und an ihrer Stelle sich im Staate — diesem toten Werkzeug — einen Abgott schuf. Hermann Cohens Philosophie gipfelt in der Absoluterklärung des Staates, Weininger von ganz anderer Seite gesellt sich dazu und der „Bund" ist unbewußt praktisch diesen Schritten gefolgt, die schon Marx gegangen ist. Ich will nicht darauf hinweisen, daß der Krieg selbst dem dümmsten „staatserhaltenden" Journalisten gezeigt haben muß, welch fürchterliches und hohles Gespenst der Staat ist, ein ungeistiges Mittel, das Herr geworden ist über den Geist, der es sich geschaffen hat. Der Staat ist etwas Vergängliches, Menschenwerk, von Menschen geschaffen und zerstört zu ihrem Nutzen, das Volk etwas Ewiges, "Gotteswerk . . . Hat der Zionismus diese Wendung mitgemacht? Von der verlorenen Weltabgeschiedenheit aus, in der ich lebe, ist es schwer zu beurteilen. Ist das heute nur ein formales Wachsen oder entspricht dem auch eine innere Bewegung? Ich glaube das letztere. Dafür scheint mir die immer stärkere, innere Differenzierung zu sprechen, das bewußte Hervortreten von Problemen innerhalb des Zionismus, die vorher außerhalb seiner waren. Dies alles scheint mir schon in Bubers Zionismus von 1911 keimhaft vorgelegen zu haben, es hat sich weiter entwickelt. Wenn einst Achad Haam das Galuth teilweise bejaht hat, so tat er es aus der Schwäche des Ungläubigen, aus Mangel an Konsequenz, von denen Herzl sich befreit hat. Wenn wir es heute teilweise bejahen, so tun wir es im Glauben an die schöpferischen Kräfte des ewigen Volkes, in demselben Glauben, in dem Pinsker und Herzl, die Männer der stärksten inneren Lebenskraft, die das 19. Jahrhundert uns gegeben hat, ein Land und nicht das historische Land suchten: die Volkskraft bricht sich überall schöpferisch Bahn. Und das ist eine zweite Seite der neuen Stufe: die Abkehr von der mechanisch-diplomatischen Lösung der Judenfrage. Gerade in den Tagen des neuen Triumphes dieser Lösung, glaube ich in manchen Kreisen eine wachsende Opposition dagegen zu spüren, die den Zionismus bleiben läßt, was er ist: eine Besinnung auf die tiefsten Quellen des Judentums. Dennoch ist das Land für uns nach wie vor Mittelpunkt, aber nicht das Land als Land, sondern das Land als „Zion". Damit gewinnt die neue Stufe zwei neue Seiten: Der Zionismus Hessens und Achad Haams war ein im Historizismus befangener, der Zionismus Pinskers und Herzls ein ahistorischer, der Lebenskraft des Volkes selbst, nicht der Tradition entstammend. Dennoch wußten sich die ahistorischen Kräfte, die dem schöpferischen, Neues formenden, Tradition sprengenden jüdischen Lebenswillen entstammten, von den Propheten bis zum Chassidismus, Erben von Vergangenem, Glieder in einer Kette. In unserer Zeit hat Berdyczewski, der Schüler von Nietzsches „Unzeitgemäßen Betrachtungen", dies zuerst richtig erkannt, Buber ist, wie mir scheint, darin seinen Spuren gefolgt. Nicht die Vergangenheit, nicht die Tradition bindet zusammen, sondern die Aufgabe der Vergangenheit bleibt in immer eigenartig neuen Formen die Aufgabe der Zukunft. Damit ist ein verbindendes Glied gegeben, damit ist der Zionismus