Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Perspektiven
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 492 (sequence 5)
- Language
- German
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492 David Arjeh Friedmann: in das Bett der Geschichte eingesenkt: er ist Messianismus geworden, wie ihn vielleicht am stärksten vorher Moses Heß verkündet hat. Aber nicht ein Messianismus der Tradition, sondern eine eigenartige neue Blüte am uralten Baum, Dieser Messianismus muß konkrete Formen annehmen. Wieder kann er hier an Berdyczewski anknüpfen und an die Versuche Hugo Bergmanns und Oskar Epsteins um einen „materialen Nationalismus". Diese konkrete Form kann keine individualistische, sie muß eine soziale sein. Dazu sind alle Vorbedingungen in dieser neuen Stufe gegeben: das kosmische Verbundenheitsgefühl und der — nie auf die Rettung der Einzelseele bedachte — Messianismus. Der Zionismus wird sozialistisch sein; dieser Sozialismus aber wird nach allem Vorhergesagten so eigenartig-jüdisch, so unmarxistisch sein, daß — Namen tun nichts zur Sache — man ihn später eher dem Anarchismus — der Lehre unserer großen Propheten und Jesu — als dem Sozialismus unserer Tage anreihen wird. Der Geist Gustav Landauers wird da Ahnherr sein. Messianismus und Sozialismus werden aber aus Palästina Zion machen. Die Garantien dafür können wir in keinen Charters und in keinen Beschlüssen der Friedenskonferenz sehen. Die heutige Welt beherrscht das Chaos, das alles Morgige unsicher erscheinen läßt und in wenigen Jahrzehnten neue Katastrophen heraufbeschwören wird, die in ihrem Sturze auch unsere äußeren Errungenschaften mitreißen werden. Die Garantien können wir nur selber schaffen: durch unentwegte Bekämpfung dessen in der Welt, das ich das „Chaos" genannt habe, das aber kein Chaos in dem fruchtbaren Sinne des Wortes ist; durch eine Bekämpfung selbst wider unsere augenblicklichen Vorteile. Und durch Erziehung unserer selbst. Diese Erziehung wird aber ein erbitterter Kampf sein müssen, wie es Oskar Epstein 1913 richtig vorausgesehen hat. Kein Volk hat eine gierigere, herzensträgere Bourgeoisie wie wir, unwissendere und chauvinistischere Massen als wir. (Dies gilt für den Osten vielleicht noch mehr, wie für den Westen. Ein ähnliches Urteil las ich bei A. Idelsohn „Na sionistkija temij", S. 26.) Der Kampf wird sich in Palästina abspielen: er wird sich an konkreten Problemen erproben, von denen ich die Lösung der sozialen Frage für leichter halte, als die der Araberfrage. Das Ziel dieses Kampfes aber liegt in der unendlichen Zukunft: einen Staat zu schaffen, der kein „Staat" mehr ist, eine Herrschaft, die keine „Herrschaft" mehr ist, sondern: An-archia. Aber die Etappen zu diesem unendlichen Ziele werden Momente sein, in denen wir in Weltkrisen lösende Worte sprechen werden, dem unendlichen Ziele zu. Sibirien, im Sommer 1919 Hans Kohn EIN NATIONALES VOLKSGESUNDHEITSAMT (Zur bevorstehenden Hilfskonferenz) Noch ist der blutige Taumel nicht völlig verflogen, der während des Krieges fast die ganze Welt ergriffen hat, und wie schwerverletzte wilde Bestien noch um Beute streiten, so streiten die Völker um Länder und Grenzen, Schiffe und Lokomotiven, ohne zu merken, wie tödlich ihre eigenen Wunden sind. In ihrer Verblendung achten die Ringer nicht auf ihren eignen verstümmelten Leib.