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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 11 · p. 490

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 11
Article
Perspektiven
Date
1919-01-01
Page
490 (sequence 3)
Language
German
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490 Hans Kohn: kunft. Jeden Rassen- und Nationalitätenhaß und -kämpf fühlen wir an unserem Leibe. Wir sehen daher deutlich unsere Aufgabe: wir müssen mit all unserer Kraft alle jene Bewegungen unterstützen, deren Ziel die Errichtung einer Welt der Gerechtigkeit und des Friedens ist. Eine volle, allumfassende Lösung der Judenfrage ist nur zugleich möglich mit einer vollen, allumfassenden Lösung der Menschheitsfrage, von der sie ein Teil und zugleich eine Vorbedingung ist. Jeder Schritt der Reaktion, jedes Hindernis im Fortschritt der Menschheit, jeder Versuch, die Revolutionierung der Menschheit aufzuhalten, ist, möge er noch so wenig direkt mit uns zu tun haben, eine ernste Gefahr für uns, jeder neue Schritt auf der Bahn des Völkerfriedens und der Gerechtigkeit, jede Sprengung verrotteter Herrschaflsverhältnisse in Revolutionen und im Flammen des Geistes, jeder Schritt auf dem Wege, den unsere Propheten gewiesen haben, bedeutet einen Sieg Zions, einen Sieg unserer Bewegung. Die Friedenskonferenz hat keinen Frieden gestiftet und keine Liebe gesät, sie hat die Wünsche der Starken befriedigt und die Stimmen der Schwachen nicht vernommen. Der Krieg ist zu Ende und doch wird überall. weiter Krieg geführt: ein offener blutiger Kampf oder ein heimlicher, unterirdischer, um so erbitterterer Krieg. Der Haß trägt seine Früchte in dem unendlichen Bürgerkriege in Rußland, wo Kosakenatamane in einer unbeschreiblichen, nur in Rußland möglichen Weise wüten, in Mitteleuropa und auf dem Balkan, wo statt eines großen Räubstaates ihrer zehn kleine entstanden sind, in Ägypten und Indien, in Irland und Korea. Da ist es ein selbstverständliches Glied in der Kette, daß er seine Früchte auch in Polen und in der Ukraina trägt, daß er an unseren Leibern und in unserem Blute groß wird. Und die Farbe unseres Blutes an der Weichsel ist ebenso rot wie die der unglücklichen Araber, Inder und Koreaner, bei denen „Ordnung" gemacht worden ist. Es ist dies keine Entschuldigung: weder für die Polen noch für die Engländer oder Japaner: aber sind wir nicht mit Schuld an dem Blute unserer Brüder? Nicht, wie Jabotinski es meint, weil wir uns nicht gegen die Unabhängigkeit Polens gestellt haben, sondern weil wir nicht scharf und unegoistisch genug uns gegen den Weltgreuel gewandt haben, weil wir die Sache des Geistes verraten haben für Brosamen vom Tische des Ungeistes. Das ist die neue Stufe des Zionismus nach dem Kriege: er hat sich unendlich geweitet, er ist so weit geworden, daß alles menschliche Leben, alles menschliche Leiden in ihn eingeht, seine Spannungsweite hat sich zu einer kosmischen gedehnt, Ahnungen von der Einheit alles Lebens erschüttern uns und mit immer gewisserer Innerlichkeit fühlen wir, was wir geahnt haben: den messianischen Beruf Israels, des Knechts Jahves, der das dw rrobc Viy, das Joch des Gottesreiches trägt, und von dem der Mann ausgehen wird, der das Wort aus seiner eigener Spannung sprechen wird, das zugleich das erlösende für die Spannung der Menschheit sein wird. Formal ist die neue Stufe — entsprechend ihrer materialen kosmischen Dehnung — die Erfüllung der Herzischen. Herzl hat es klar formuliert: Die jüdische Frage ist eine Weltfrage oder sie muß es werden. Die Vertreter der heutigen Gewalt — die Pariser Friedenskonferenz — wie die Vertreter der morgigen Gewalt — die Sozialistenkongresse — haben die jüdische Nation und ihre Lebensrechte anerkannt. Herzl hat mit Recht gespürt, welch ungeheure Bedeutung das hat; wir heute fühlen, wie wenig Wesentliches es uns bedeutet. x.

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