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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 11 · p. 489

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 11
Article
Perspektiven
Date
1919-01-01
Page
489 (sequence 2)
Language
German
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Perspektiven 489 schaffen, die unzweifelhaft langsam auch die trägeren und satteren Massen in ihren Bereich ziehen und sie umgestalten wird. Einer neuen Welt sieht sich der Zionismus gegenüber, einer neuen Lage des intellektuellen und Gefühlslebens. Der Zionismus war immer zweierlei: ein aus fernen Zeiten stammendes Ideal, unverrückbar auf ein gleiches Ziel weisend — und daneben doch stets ein Kind seiner Zeit, ihrer allgemein-menschlichen Sehnsüchte und Gedankenbilder. So war der Zionismus Achad-Haams ein Kind der Ehe alter Ghettotraditionen mit dem Positivismus der englischen Philosophie des zweiten Drittels des 19, Jahrhunderts, der Zionismus Herzls gezeugt und genährt von der großen, weiten und freien Luft Europas, des plein-air, voll der sonnigen Lebendigkeit des Impressionismus und sieghaften Erwartung und jenes lebenskräftigen Optimismus, der einen Teil des Endes des 19. Jahrhunderts charakterisiert, der Zionismus Bubers in den „Drei Reden vom Judentum" aber, wiederum eine Folge jener allgemeinen Vertiefung und jenes Zurückgehens auf die Quellen wesenhaften Lebens, die sich gleichzeitig in der Philosophie in dem Fortgang von Kant zu Fichte und seinen Nachfolgern und in der Malerei im Expressionismus kündtun. Dies war die letzte Phase des Zionismus vor dem Kriege; was ihr gegenüber heute gefehlt hat, sehen wir jetzt klar: sie war tief genug, so tief, daß es nur ein Ausbauen, aber kein Weitergraben mehr zu geben schien, aber sie war nicht weit genug; sie war zu sehr auf das Individuum gestimmt und hat damit den Zionismus überhaupt zuerst für den modernen Menschen als Weg bereitet. Welches ist die neue Weltlage, die der Weltkrieg uns hinterlassen hat? Dieser Krieg war für uns etwas Grauenhaftes; nicht nur hat er über die Juden unendliches Elend gebracht, nicht nur hat er sie gezwungen, Bruder gegen Bruder zu kämpfen; er war in seinem Wesen all dem zuwider, was das Judentum der Welt gegeben hat, er schien uns das Werk Gog und Magogs, das Wüten entfesselter Kräfte, die nur zerstören und nicht schaffen . . . Kann aus Übel und Bösem Gutes erstehen? Manche hofften: ja, wir sehen aber immer klarer: nein. Als die Friedenskunde die Erde durchflog und führende Männer in ihren Worten eine neue Weltepoche der Gerechtigkeit, des Friedens und des Aufblühens aufleuchten ließen, hofften viele. Was folgte, war den Ehrlichen eine große Enttäuschung. Die Friedenskonferenz erwies sich als eine Konferenz des Hasses und der Habgier und als eine Wiege künftiger Kriege. Unbeeinflußt von den Stimmen der Völker saßen wenige Diplomaten und spielten mit dem Schicksal der Menschheit wie in vorigen Zeiten. Wir dürfen nicht fragen: wie ist bei diesem Spiele das jüdische Volk weggekommen? Wir dürfen nicht jenen erbärmlichen Völkchen des Eintags gleichen, die, gestern befreit, heute alles verzehren möchten, die dankbar jubeln, wenn die Konferenz ihnen etwas „gibt", und gar böse werden, wenn sie ihnen etwas „nimmt" oder ihnen irgendeinen Wunsch nicht erfüllt. Der Am Olam, das ewige Volk, muß tiefer sehen. Das ist das Neue und Große, was, von Herzl geahnt, von Buber abstrakt ausgesprochen, der Weltkrieg uns als konkretes, unverlierbares Lebensgefühl gebracht hat: unser Schicksal ist unauflöslich mit dem Schicksal der ganzen Welt verknüpft. Nichts kann in der Welt geschehen, ohne daß es auf uns wirke. Unsichtbare, aber deutlich fühlbare Bande verbinden uns mit allem Leben auf der Erde. Jede Ungerechtigkeit, die irgendwo in der Welt verübt wird, ist ein Schlag gegen uns, gegen unsere Gegenwart wie gegen unsere Hoffnungen für die Zu-

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