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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 11 · p. 485

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 11
Article
Nationale Minderheitsrechte der Juden
Date
1919-01-01
Page
485 (sequence 5)
Language
German
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Nationale Minderheitsrechte der Juden 485 Judentums wie bei dem Eänzelmenschen, den der atmosphärische Druck nur deswegen nicht ganz zusammenpreßt, weil auch die Luft in ihm gegen die Körperwand drängt, durch das Gleichgewicht beider Kräfte zu erklären. Mit dem Verlust der religiösen Bindung durch die Aufklärung des letzten Jahrhunderts ist neuerlich der Bestand des Judentums gefährdet. Auf neue, begreiflicherweise jetzt destruktivere Art äußert sich wiederum die Schrankenlosigkeit der geistigen Veranlagung des Juden im politischen Radikalismus, im kapitalistischen Großunternehmertum, im marxistischen Maximalismus, - im extremen Rationalismus und seinem literarischen Äquivalent, einem sentimentalen Gefühlsüberschwang. Und mit dem früheren Inhalte hat auch die alte Form des Religionsgesetzes ihre schützende Kraft und sondernde Funktion verloren. Es gilt also, neue Inhalte und neue Formen zu suchen, um die Weiterexistenz des Judentums zu ermöglichen. Ohne die allgemein sittliche und menschheitliche Bedeutung des Nationalgedankens zu berücksichtigen, kann schon aus der Geschichte der letzten Jahrzehnte und den Erfahrungen des Weltkriegs, ja auch dieser ersten Friedenszeit, trotz des vielfach prophezeiten Bankrotts der nationalen Ideologien, festgestellt werden, daß heute die nationale Idee die einzige ist, welche über die Seele des Menschen noch eine überragende Macht hat und die selbst die heute ausschlaggebenden ökonomischen Interessen zu überwinden vermag. So ist nach dem Fall der Religion, der auch im Osten mit der fortschreitenden Zivilisierung und Industrialisierung unaufhaltsam ist, die nationale Idee gegenwärtig auch für das jüdische Volk die letzte Möglichkeit der Schaffung eines überindividuellen Zusammenhanges. Ob man dem Nationalgedanken keinen so verwandelnden und das Letzte im Menschen so übermächtig erfassenden Einfluß zu erkennt wie dem religiösen Glauben, oder ob man nach seinen letzten Manifestationen (dem Martyrium und dem Opfertode unzähliger für die Freiheit ihres Volkes begeisterter junger Menschen) zwischen beiden keinen Unterschied sieht, so steht doch das eine fest, daß es ein anderes Mittel, die einzelnen Volksangehörigen in das Volksganze wieder einzugliedern und die vielen zentrifugalen Tendenzen des modernen Lebens zu paralysiere, nicht gibt. Hier, wo es sich um eine wissenschaftliche Erkenntnis handelt, ist also die Schicksalsfrage des Diasporajudentums und damit das Grundproblem dieser Aufsätze im Kantischen Sinne folgendermaßen zu stellen: wie ist ein Judentum in der Diaspora möglich? Die Galuth-Theorien, die sich hauptsächlich mit den Voraussagen beschäftigen, daß das jüdische Volk in der Diaspora untergehen müsse oder daß es fortexistieren werde, und die sich damit bedenklich dem zweifelhaften Bereich der Geschichts- und Zukunftsdeutung nähern, verkennen daher den Kernpunkt des Problems. Dieser ist nicht die Frage, ob sich die Juden unserer Zeit in der Zerstreuung assimilieren werden oder nicht. (Selbst die Anhänger der materialistischen Geschichtsauffassung zweifeln bereits an ihren Prophezeiungen über die unbedingte Gewißheit und den bestimmten Verlauf der von ihnen „erkannten" Entwicklungstendenzen, zu denen auch die nach dieser Geschichtsauffassung unbezweifelbare Notwendigkeit der Assimilation der Juden gehört). Es handelt sich vielmehr, da kein Einsichtiger an die Zwangsnotwendigkeit der künftigen Fortdauer eines überdies noch zweifelhaften „historischen", nämlich kaum ein Jahrhundert alten Prozesses glauben kann — schon gar

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