Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Nationale Minderheitsrechte der Juden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 484 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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484 Albrecht Hellmann: I. Das Grundproblem Zwei Weltanschauungen und Kulturen von unvergänglicher Größe standen im Altertum einander gegenüber: die griechische und die jüdisch-christliche. Ihr Unterschied wird nur äußerlich durch die Feststellung erfaßt, daß die eine ästhetisch, die andere ethisch gerichtet war. Eine tiefere Erkenntnis gibt die Unterscheidung, welche als das innere Merkmal des hellenischen Geistes sein Maß, als die innerste Eigentümlichkeit der jüdischen Seele aber ihre Maß- und Grenzenlosigkeit ansieht. In der jüdischen Wesensart der Polarität, in der jüdischen Konzeption eines einigen und einzigen Gottes, in der jüdischen Idee der messianischen Zukunft, in der Unbedingtheit des jüdischen Verwirklichungswillens, in der Leidenschaftlichkeit des jüdischen Ethos, im Universalismus der jüdischen Prophetie, in der Totalität des jüdischen Weltgefühls, welches infolge der Hypertrophie des theokratischen Gemeinschaftsprinzips auch das staatliche Leben, das doch sonst bei fast allen Völkern von ihrer geistigen Wirklichkeit losgelöst und von Gott verlassen ist, in sich einbezieht, — ja selbst in der ungeheuerlichen Maßlosigkeit des historischen Schicksals des Judentums gibt sich dieses wesentlichste Element der jüdischen Seele kund. Der jüdische Gesetzeskodex, das Koordinatensystem der jüdischen Religion, steht hiezu in keinem Widerspruch. Er ist die notwendige Begrenzung des jüdischen Durchschnittsmenschen in der Unendlichkeit des jüdischen religiösen Gefühls und seine Bewahrung vor der zermalmenden Schrankenlosigkeit der jüdischen sittlichen Forderung. Doch alle diese Erscheinungsformen des jüdischen Unendlichkeitsstrebens, welche die Milieu-Theoretiker mit der Unendlichkeit des Meeres im Westen des palästinensischen Landes, der Wüste in Ost und Süd, des Gebirges im Norden und des orientalischen Himmels über ihm erklären mögen*), sind nur Schöpfungen aus der Zeit der jüdischen Selbständigkeit. Als diese verloren ging und die jüdische Schrankenlosigkeit, von ihrem natürlichen Boden gelöst, noch durch das Geschick der Heimatlosigkeit und Zerstreuung unter fremden Völkern eine tragische Steigerung erfuhr, drohte die Gefahr des Zerflatterns und der Zerreißung der ursprünglichen Zusammenhänge zum tödlichen Verhängnis zu werden. Das Religionsgesetz war als einzige Bindung übrig geblieben und alle Angst und der natürliche Selbsterhaltungstrieb des durch seine Zersprengung bedrohten Judentums stürzte sich darauf, warf unablässig immer neue Dämme zur Abwehr der weiterbrandenden seelischen Hochflut auf, umgab die Lehre mit immer neuen Zäunen und schloß auch im wirklichen Leben, hier wie ehedem die Endlosigkeit des jüdischen Verwirklichungstriebes bezeugend und auf das „Reich von dieser Welt" übergreifend, die Juden von ihrer Umgebung ab. Kein Zweifel, daß das Judentum nur durch diese Grenzenlosigkeit seiner geistigen und politischen Begrenzung den von innen und außen anstürmenden Auflösungstendenzen standzuhalten vermochte. Denkt man an die großen Geister, welche das Judentum in der Diaspora hervorgebracht hat und welche diese zu seiner Erhaltung notwendigen Schranken sprengen mußten, um der inneren Stimme, die sie rief, zu gehorchen, dann wird man nur schwer entscheiden können, ob die von innen- oder die von, außenher wirksamen Kräfte der Auflösung stärker waren. Und fast ist man versucht, die Erhaltung des *) Man vergleiche neuerdings die in diesem Heft veröffentlichte Rede des südafrikanischen Ministerpräsidenten General Smuts.