Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1919-01-01 · Heft 11 · p. 483

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 11
Article
Nationale Minderheitsrechte der Juden
Date
1919-01-01
Page
483 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101150-3101161-3104988--3635-3105006
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nationale Minderheitsrechte der Juden 483 sie, allerdings nur bis zur Grenze des allgemein gültigen Prinzipiellen, zweifellos festzustellen. Insbesondere bei den einzelnen praktischen Detailvorschlägen und Lösungsversuchen wird stets die Klausel rebus sie stantibus" zu subintelligieren sein. Wo sich alles im Flusse befindet, ist es also nicht ausgeschlossen, daß manches trotz seiner augenblicklichen Berechtigung und Erforderlichkeit vielleicht später einzelne Korrekturen erfahren kann. In dem Abschnitt, der von der Labilität des jüdischen politischen Seins in der Diaspora handelt, wird auf diese gerade für die jüdische Politik besonders eindringlich geltende Wahrheit noch ausführlicher-zurückzukommen sein. Es sei hier gleich auch eine Rechtfertigung hinzugefügt, falls man einiges in meinen Darlegungen nicht zwingend und vollständig bewiesen findet. Es ist dies neben den bereits hervorgehobenen Schwierigkeiten darauf zurückzuführen, daß ich vieles nur andeuten mußte, vieles nicht berücksichtigen konnte und vielleicht erst später mehr werde geben können, als diese skizzenhaften Umrisse. Daß sie schon jetzt erscheinen, hat mehrere Gründe. Der eine ist die von mir übernommene Aufgabe der Ausarbeitung eines möglichst genauen und umfassenden politischen Programms für die tschechoslovakischen Nationaljuden. Als eine Art Motivenbericht hierzu sind die folgenden Erörterungen zu betrachten, die als Resultat die einzelnen Programmsätze ergeben. Wegen der Bedeutung, welche die praktische Betätigung für die Bewährung der Theorie hat, und auch wegen der leichteren Verständlichkeit beginne ich mit der historischen Darstellung der österreichisch-jüdischen Kongreßbewegung und berücksichtige vorwiegend die konkreten Verhältnisse der tschechoslovakischen Republik. Das letztere nicht nur, weil diese mir am nächsten liegen, sondern weil der tschechoslovakische Staat, in dem sechs bzw. sieben Nationalitäten wohnen, wenn man die Slovaken als eigene Nation ansieht, als Nachfolger Österreich-Ungarns bezeichnet werden kann. Die Donaumonarchie galt aber bisher als das klassische Land der Nationalitäten, welches die Nationalitätentheorie überhaupt erst hervorgebracht hat. — Vorher soll aber noch das Grundproblem der Artikelreihe, zu dem immer wieder alle Darlegungen zurückführen sollen, gekennzeichnet werden. Als Kern- und Angelpunkt des ganzen Fragenkomplexes wird diese Hauptfrage niemals aus dem Auge zu verlieren sein. Ein zweiter Grund für die vorzeitige Veröffentlichung ist das Erscheinen der Schrift „Die Revision des jüdischen Nationalismus" von Dr. Ignaz Zollschan. Dieses Buch ist nicht wegen seiner Ablehnung der nationaljüdischen Politik eine Gefahr, Ein wirklich ernst zu nehmendes, wissenschaftlich und gedanklich fundiertes Werk von gegnerischer Seite wäre auf diesem Gebiete ganz im Gegenteil als größter Gewinn zu betrachten. Es würde zur Kritik auch in unseren eigenen Reihen, zur Klärung der Ansichten, zur Nachprüfung der Programme und zur Festigung der noch schwankenden Begriffe anregen, alles dringende Notwendigkeiten, wo die äußerste Vorsicht, immer neue Kritik und größte Skepsis durchaus am Platze sind. Das Zollschansche Buch trägt aber durch seine seichte Oberflächlichkeit nur zur Verwirrung bei und ist in seiner apodiktischen Manier, die die Behauptung für den Beweis nimmt, seiner wissenschaftlichen Prätention, die nicht über einen geradezu erstaunlichen Dilettantismus hinwegzutäuschen vermag, seiner Verworrenheit und widerspruchsvollen Unklarheit eines der unerfreulichsten Bücher der letzten Zeit. Nicht seines feindlichen Standpunktes wegen, sondern gerade weil es vorgibt, zionistisch zu sein, ist es gefährlich und bereits zu einem willkommenen assimilatorischen Kampfesmittel geworden. 31*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.