Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Nationale Minderheitsrechte der Juden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 482 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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482 Albrecht Hellmann: Erhöht wurde dieses Gefühl der Unsicherheit auch durch persönliche Erfahrungen. Bei meinen Bemühungen um das Zustandekommen des österreichischjüdischen Kongresses hatte es sich herausgestellt, daß die österreichischen Zionisten weder ein brauchbares politisches Gegenwartsprogramm besaßen, noch auch ihre Anschauungen über die politische Betätigung überhaupt einheitlich waren. Ebenso bestand auch keine Klarheit über die anzustrebenden politischen Ziele und keine klare Scheidung zwischen Minimal- und Maximalforderungen. Hinzu kam noch, daß vielfach auch in führenden Kreisen die politischen Postulate anderer Völker kritiklos in ihrer Anwendung auf unsere Bestrebungen schabionisiert wurden. Ich darf es als den einzigen positiven, darum aber um so höher einzuschätzenden Erfolg der Kongreßbewegung in Österreich bezeichnen, daß durch sie in den Anschauungen der böhmischen und der mährischen Zionisten über die innere Politik eine Klärung und vielfach eine grundlegende Wandlung eintrat. Die theoretischen Grundlagen der heutigen Politik der tschechoslovakischen Nationaljuden sind dieselben, die ich damals gegen den Widerstand der Wiener, der galizischen und Bukowinaer Zionisten vertreten habe und mit denen schon damals alle Zionisten in Böhmen geschlossen und die mährischen Zionisten in großer Majorität übereinstimmten. Wie erwähnt, wollte ich sie ausführlicher begründet in einer umfangreicheren Arbeit zusammenfassen. Der Umsturz und die Inaugurierung einer nationalen jüdischen Politik in der tschechoslovakischen Republik durch den Jüdischen Nationalrat für diesen Staat hielten mich aber von dem Ausbau der Theorie ab, sie forderten vielmehr meine Mitarbeit bei ihrer sofortigen praktischen Verwirklichung. Ebenso wie in der österreichisch-jüdischen Kongreßbewegung habe ich in nun mehr als einjähriger Arbeit im Prager Jüdischen Nationalrat Gelegenheit gehabt, alle diese Fragen in ihrer Beziehung zum wirklichen Leben, somit in ihrer wahren Bedeutung zu sehen und ihre Schwierigkeiten zu ermessen. Keine Überprüfung der theoretischen Anschauungen ist aber schärfer als diejenige durch die Praxis. Um es schon jetzt zu betonen: der Zweifel und die Unsicherheit in vielen Einzelfragen sind nicht gewichen und zwingen noch immer zu unablässiger Überlegung und zu stets neuen Bedenken. Um so größer ist aber das Gewicht, welches die prinzipiellen Anschauungen durch die Bemühungen um ihre praktische Verwirklichung gefunden haben. Dies ist nicht im Sinne jener kläglichen afterpolitischen Weisheit gemeint, welche die Notwendigkeit und Richtigkeit eines Gedankens grundsätzlicher Art nach seinem sogenannten realen Erfolge beurteilt. Sondern im Sinne jener höheren Einsicht, welche eine politische Forderung nicht nach dem Maße ihrer gegenwärtigen, sofortigen Realisierung, sondern nach ihrer unumgänglichen, durch die praktische Arbeit neuerlich bestätigten Notwendigkeit einschätzt. Politische Notwendigkeiten sind eben keine kausalen. Trotz meiner durch das Erwähnte vielleicht erbrachten Legitimation, auf diesem schwierigen Gebiete mit einiger Berechtigung mitsprechen zu dürfen, möchte ich doch den folgenden Ausführungen ein besonderes Gewicht beizulegen selbst nicht raten. Zu sehr fühle ich noch immer die Unzulänglichkeit meiner theoretischen und praktischen Schulung und die unendlichen Schwierigkeiten und zahllosen Komplikationen des Problems. Die hier niedergelegten Ergebnisse sind darum, soweit sie nicht die fundamentalsten, geradezu als Existenzfragen der nationalen jüdischen Politik zu bezeichnenden Voraussetzungen betreffen, in keiner Weise endgültig. Infolge der Berücksichtigung der gegenwärtigen konkreten politischen Verhältnisse ist eine gewisse Bedingtheit durch