Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Zur Psychologie der Legende
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 479 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Psychologie der Legende 479 menschen (Kant und Nietzsche z. B.) finden besondere Freude am Märchen und am Roman, der nichts anderes ist als eine mittelbarere Form des Märchens. Die alten Urwünsche sind nunmehr von ihren Symbolen entkleidet in den Errungenschaften des Geistes und der Technik erfüllt, doch lasten die Symbole, die Urformen der Wünsche dumpf und unklar auf das Unbewußte; sie geben auch, nachdem sie verwirklicht wurden, in ihrem Scheinleben keine Ruhe. Im Märchen aber leben sie sich endgültig aus, um sich dann völlig aufzulösen. Die Volksphantasie gibt sich gar keine Mühe, diese aus verschiedenen Kulturr epochen stammenden Elemente reinzuscheiden und im Märchen auseinanderzuhalten. Überlebte Aufgaben früherer Menschengeschlechter werden mit neuen Mitteln gelöst, statt mit Körperkraft mit Hilfe der Magie, der „Weisheit", der Technik — oder des Wunders. Was bis nun nicht gelungen ist und doch noch immer eine Sehnsucht bleibt, feiert im Märchen mit Hilfe zeitgemäßerer, neuerrungener oder unklar vorausgeahnter Mittel seine fiktive Erfüllung. Die Legende deutet und biegt die Geschehnisse nach dem Willen des Volkes um und spitzt sie auf die erwünschte Zukunft zu. In das trockene Gerippe der Chronik, in ihr berichtendes Wie wird ein erklärendes Warum interpoliert. Mit praktischen Tendenzen wird jedes Ereignis in das willensgebotene System eingereiht. Die Legende ist eine dem innersten Volkswesen abgelauschte Historiosophie. Gut sagt J. Bergmann: „Die Legende enthält die Geschichtsphilosophie des Volkes. Die Berichte der Legende sind also wahrer als die Wirklichkeitschronik, die zwar von den bis an die Oberfläche reichenden Ereignissen erzählt, nichts aber von jenen, die sich in der Seele und ihren Tiefen abspielen. „So wird die Legende ... zu einem Quell der Wahrheit" (Bergmann). 6. Die europäischen Völker hatten und haben noch immer ihre urprimitiven Heldenmärchen; vom jüdischen Christentum haben sie nur jene Elemente übernommen, die ihrem eigenen Wesen entsprachen — für die Heiligenlegende z. B. das Moment der Magie im Wunder (das übrigens auch übermagischen, geläuterten religiösen und sittlichen Sinn enthalten kann). Der Heilige des Abendlandes hat selten reingeistige Züge. Der Heilige des Morgenlandes ist ganz durchgeistigt. Er ist nicht von dieser Welt, führt ein bescheidenes Gelehrten- oder Bettlerleben (Hillel, Rabbi Akiba, Jochannan der Täufer, Jeschu und -seine Jünger, Buddha, Lao-Tse u. a.), das auf alle Diesseitigkeit verzichtet. Im Okzident ist der Legendenheilige noch immer zum Teil Zauberer und Medizinmann, zum Teil Recke und Schelm mit allerlei phantastischem Zubehör. Der Europäer hängt an der Natur, am Körperlichen; er hat trotz Christentum nie aufgehört den Körper anzubeten, und so bedeutet ihm noch immer Held die Steigerung der Körperkraft, und im weitesten Sinne auch die Beherrschung aller körperlichen Kräfte in der Technik. Anders das Seelenleben im Orient. Dort kennt der Wunsch keine Schranken der Logik (dem sinnlich Wahrnehmbaren angepaßte praktische Vernünftigkeit) und der Naturgesetze. Der Wunsch ist auf das übersinnliche, übermagische (nämlich sittliche) Wunder gerichtet. Dies bedeutet ein weites Ausholen zur inneren Tat, wie das okzidentale Haften am Körperlichen diesem Ausholen Beschränkung auferlegt. Die Beschränkung ermöglicht eine leichtere und schnellere Verwirklichung der erdgebundenen Ziele — der höhere Aufschwung zum Geist, zu wahrer Religion und unbedingter Sittlichkeit aus eigenem Antrieb bleibt ihr