Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Zur Psychologie der Legende
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 478 (sequence 5)
- Language
- German
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478 Meir Wiener: Volkserzählungen? Die Freude am Heldischen trotz sittlicher und „kultureller" Bedenken ist die Genugtuung über die Ausführung des Unmöglichen; die Freude an der fiktiven Erfüllung des Dranges zum Unerfüllbaren, Erwachsenen „Kulturmenschen" gilt gesteigerte körperliche Kraft gewiß nicht als das Wünschenswerteste, doch regen und leben sich an dieser Genugtuung die atavistisch fortglimmenden Wünsche vergangener Menschenzeiten aus und wirken befreiend. Wir freuen uns, diese uneingestandenen, im Unbewußten fortwuchernden Wünsche in der Fiktion erfüllt zu sehen, ohne gegen Religion und Sittlichkeit verstoßen zu müssen. Der primitive Mensch wünschte sich übermenschliche Kraft, log sie sich in schöpferischen Augenblicken selber an (Herkules, Achilles, Schimschon). Im bekannten Prahlen der Helden versuchen intensiv wünschende Naturen ihre Sehnsucht zur Wirklichkeit zu zwingen. Das Übertreiben und unbewußte Lügen haben ihren Ursprung in der wunschgeborenen Einbildung. Indem er diese Erfüllungen in einen Lieblingshelden projiziert, befreit sich der Mensch von der quälenden, verstimmenden Energie. 5. Mit dem Beginn komplizierter Lebensformen entfaltet sich der Wunsch nach den Eigenschaften der List und Schlauheit (Odysseus, Jaakob, die Hauptfiguren indischer, semitischer und europäischer Schelmenromane). Bei fortschreitender Entwicklung, die größere Gruppenwanderungen zur Folge hat, bildet sich das Ideal des weisen Mannes, des Führers, aus (die biblischen Richter: Jephtah, Schimschon, Gideon u. a.). In Zeitaltern wirtschaftlicher Entwicklung und der Handelsreisen in ferne Länder wird der Abenteurer erträumt (der biblische Josephsroman, iooi Nacht, Novellen der Frührenaissance), Angesammelter Reichtum, müßiggängerisches Leben der verfeinerten und gepflegten „Erben", die meistens einen entsprechend dekadenten Königshof zum Mittelpunkt haben, schaffen die Atmosphäre für die Legende vom Don Juan, dem Helden der Galanterie, für die Legende vom vollkommenen Dichter (im persischen und arabischen Märchen und in Europa die Figuren des Barden und Minnesängers) und allmächtigen Staatsmann (Großwesir). Zur Religion und Sittlichkeit reif gewordene Zeitalter erdichten die Gestalt des vollkommenen Heiligen, der zwar in Wirklichkeit nie existiert hat, aber als Postulat für die Entfaltung des Geistes von größter Bedeutsamkeit ist. Allerdings gibt es nirgends rein charakterisierte Legendentypen; frühere heroische Wünsche und Heldenzüge treten zu den neuen hinzu und vermischen sich mit ihnen. So trägt der biblische Schimschon, der Richter, zugleich auch einer primitiveren Zeit angehörende Heldenzüge, Jaakob, der von der Himmelsleiter träumende Gottbesieger, wird mit schlau-listigen Schelmenzügen ausgestattet Nur selten findet sich in der Legende eine völlig geläuterte, von früheren Vorstellungen ungetrübte Heiligengestalt. Selbst Jeschu wurde in der Legende der Völker, bei denen körperheldische Traditionen lebendig waren, zum fürstlichen Recken (Heliand). So erzählt uns die Heiligenlegende die tragische Geschichte vom Streben des Menschen zu Gott und Sittlichkeit und von seinem Sündenfall, der sich immer wiederholt. Der Recke und der Schelm spuken noch in den Märchen entwickeltster Kulturen, weil an diesen Zügen die im Unbewußten fortglimmenden Urwünsche ihre fiktive Erfüllung feiern und dumpfe Depression aufheben. Diese letzten Auswirkungen überlebter Wünsche haben kathartischen Wert. Gerade Kultur-