Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Zur Psychologie der Legende
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 480 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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480 \ Eugen Hoeflich: Der Berg des Hindernisses versagt. Der Orientale drängt im Wunsche vorwärts, ohne praktische Voranschläge. Der Gegensatz ist in zwei Worten zusammengefaßt: der Orientale will das Streben (sittliche Ziele bleiben immer unerreichbar), der Okzidentale den Erfolg. Im Helden ist der Wunsch zur gesteigerten Körperkraft, im Heiligen das Streben zum Übersinnlichen symbolisiert. Der Held vollbringt seine Taten durch Naturkraft, der Heilige durch seine geistige und sittliche Natur. Die Erdenwünsche des okzidentalen Märchens finden ihre Verwirklichung in der Naturwissenschaft und Technik, das orientalische Herumschweifen in der Transzendenz wird erfüllt im heiligen und sittlichen Menschen, letzten Endes in Gott. So ist das Märchen eine willensbetonte Vorahnung der Entwicklung und birgt darum höhere Wahrheit als die Augenblickswirklichkeit. Sein Ausdruck hat musikalischen Charakter, ist unkörperlich, auf das Innerste gerichtet, ungreifbar, Symbol allgemeinsten Wesens — trotz seiner anschaulichen Mittel „abstrakte" Kunst. Seiner hohen Wahrheit wegen, die nichts Unwesentliches aufkommen läßt, ohne es im Keime bei der Nacherzählung auszumerzen, und seiner lebendigen nicht ausgeklügelten Seele wegen verdient das Märchen als die zentralste und gültigste Kunst innerhalb des Wortgebietes erkannt zu werden. Wien Meir Wiener DER BERG DES HINDERNISSES Am Berge des Aufganges stand ein Jude. Nach Osten gewendet sprach er, , und in seiner Stimme lag Verzweiflung: Dort und da bist du, o Gott über der Welt, doch die Berge läßt du zwischen dort und da. Stehe ich mit dem Rücken zum Berge, dann ist keiner hinter mir, der mich versteht; wende ich mein Gesicht zum Berge, dann biete ich den Rücken jenen, die mich nicht verstehen wollen. Da kam eine Stimme von jenseits des Berges. Und es war ein gelber Mann, der so sprach: Dort und da bist du, o Gott über der Welt, doch die Berge läßt du zwischen dort und da. Stehe ich mit dem Rücken zum Berge, dann ist keiner hinter mir, der mich versteht; wende ich mein Gesicht zum Berge, dann biete ich den Rücken jenen, die mich nicht verstehen wollen. Und siehe, als der Jude seine Worte von jenseits des Berges wieder kommen hörte, sah er, daß er nicht allein sei, und er erkannte, daß er nur rufen müsse, um mit Gott über die Berge zu gehen, ohne seinen Boden zu verlassen. Und siehe, da sahen miteinem Jude und Chinese mit großem Staunen, daß sie einander verstanden trotz der verschiedenen Sprachen. Und ihre Seelen waren erfüllt von großer Zukunftsfreude in den Tagen der Wunder. Es rief der Jude über den Berg: Einander? Es rief der Chinese über den Berg: Einander! Wien Eugen Hoeflich Für die Redaktion verantwortlich: Siegfried Lehmann, Berlin W 30» Eisenacherstr. 29. — Für Österreich: Dr. M. Präger, Wien I, Rotenturrastraße 22. — Verlag von R. Löwit, Berlin und Wien. — Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.