Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Zur Psychologie der Legende
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 477 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Psychologie der Legende 477 mias habe die heilige Lade in einer Höhle auf dem Berge Pisg;a verborgen*)" Man muß sich das erleichterte Aufatmen des Fabulierers beim Auffinden dieses glücklichen Ausweges vergegenwärtigen, um diese Legende ganz zu verstehen. — Die Legende ist eine vom Wunsch und Willen geleitete „dichterische Lüge** (im Sinne Oscar Wildes); vom Wunsch und Willen zur Wirklichkeit proklamiert. Vom schöpferischen Gesamtwunsch des Volkes wird sie der Wirklichkeit zugeführt und die Symbole, in die Sprache der Wirklichkeit übertragen, werden im Laufe der Zeit erfüllt. Die Verwirklichung der wichtigsten religiösen, sozialen, sittlichen und technischen Ereignisse begann im Märchen, in der Utopie, die nichts anderes ist, als ein auf die Zukunft gerichteter, mehr oder weniger symbolisch eingekleideter Wunschausdruck. 4- Die Verschiedenheiten im Charakter und Zukunftswillen der Völker, oder desselben Volkes zu verschiedenen Zeiten, äußern sich anschaulich in den Verschiedenheiten der Märchen verschiedener Völker oder desselben Volkes zu verschiedenen Zeiten. Im Märchen gibt sich die Sittlichkeit und Religion eines Volkes wie nirgends sonst so unverhüllt kund. Die Ereignisse und Erscheinungen werden in ihm dem eigenen Sittlichkeitsempfinden und der eigenen Seinsauffassung bedenkenlos angepaßt. Und hier zeigt es sich, wie lose ein Volk mit einer organisch fremden, von draußen übernommenen Religion und Sittlichkeit verbunden sein kann, indem es, wo sich Freiheit bietet, diese ganz außer acht läßt, und. auf uralte, früheren Jahrtausenden angehörende Vorstellungen bewußt und unbewußt zurückgreift: weil sie seiner Seele näher stehen oder, wenn auch selber vielleicht ursprünglich fremd, längst in sein Blut übergegangen sind. So gibt uns die Legende von Religion und Sittlichkeit eines Volkes treffendere Kunde als seine Religions- und Gesetzbücher. Es darf hier vielleicht auch auf die legendär-mythischen Elemente wunschbetonten Charakters in jedem Gedankensystem hingewiesen werden. Die einzelnen Gedanken mögen noch so wahr und richtig sein, im Ausbau des allesdeutenden Systems liegen (schöpferische) Momente zugrunde, die mit den Ursprüngen der Legende identisch sind. Das Ahnen des Volkes um seine Zukunft, die Zielsetzung und das Zielstreben sprechen sich nirgends in solcher vom Bewußtsein noch unverstümmelten Ursprünglichkeit aus wie in der Legende und im Märchen. Der Wunsch des Märchens wird, sofern er Zeit hat zur Wirklichkeit heranzureifen, schließlich erfüllt — also werden später die unbestimmten Ahnungen des Märchens, die nunmehr ihre Deutung gefunden haben, als Prophetie erkannt. Das Volksepos, wie das Volksmärchen freuen sich am Unmöglichen, leben sich im Wunder aus. Was jeder einzelne sich wünschenswert denkt, ist in der Person des Heros zusammengefaßt. Der Heros vermag all das zu vollbringen, was wir selber wünschen aber nicht können. Was ergreift uns so sehr an *) Dr. Juda Bergmann: Die Legenden der Juden. C. A. Schwetschke & Sohn, Berlin 1919* Eine informative Deskription der Märchenstoffe, thematisch geordnet, mit einer Einleitung: „Über das Wesen und Werden der Legende*' und einem Schlußaufsatz: „Legende und Geschichte". Gegenüber dem großartigen Werk M. J. bin Gorions: „Der Born Judas", von dem bis nun 3 Bände im Inselverlag erschienen sind, kann sich dieses Buch nur als eine Art Nachschlagewerk behaupten. Eine vergleichende, ins Einzelne gehende, völkerpsychologische Untersuchung des jüdischen Märchenschatzes wartet noch auf einen Bearbeiter.