Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Zur Psychologie der Legende
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 476 (sequence 3)
- Language
- German
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476 Meir Wiener: in der Legende die Urteile eines Volkes wie seine Wünsche zum Ausdruck; sein Zorn, oftmals von primitivsten Instinkten, die im Unbewußten fortwuchern, geleitet, wütet sich in ihr voll aus; seine Liebe und Bewunderung kennt in der Legende keine Schranken. Die Lieblingshelden werden von der Volksphantasie unermüdlich mit immer neuen Tugenden geschmückt, ebenso kann sie sich nie im Verdammen und Verschlechtern der legendären „Bösewichter" (Sinnbilder ihrer Abneigungen) genug tun*). Die Legende enthält einerseits eine freie willensbetonte Deutung des Seins, anderseits den lebendigen Ausdruck des auf die Zukunft gerichteten Strebens des Volkes: Umgestaltung der Vergangenheit und Gegenwart nach eigenem Ebenbild und schöpferische Zielsetzung für die Zukunft. So wirken in der Legende zweierlei Elemente. Erstens: die rudimentären Reste alter vergangener Wünsche und Vorstellungen, die sich bereits überlebt haben und fortwuchern. In Ansehung dieser Elemente bedeutet das Zustandekommen der Legende Befreiung von lastenden, toten Gespenstern, eine lösende, befreiende — also negative Wirkung. Zweitens: schöpferisches Wollen und Ahnen der Zukunftswünsche — die positive Tat der Legende. Das erste Element bereitet dem anderen Bewegungsraum. Beide Elemente aber sind nirgends in reinlicher Scheidung zu finden, sondern in derselben Legende durcheinander gemengt; wie es auch keine Legende gibt, die bloß einem Ideal reinen Ausdruck gäbe, ohne Beimengung alter und neugeahnter Vorstellungen. Aufschlußreich und leicht auszuführen wären Legendenanalysen, mit deren Hilfe der schöpferische Kern aus den überlebten Schalen herausgelöst werden könnte. Odysseus der Dulder ist zugleich der Typus des schlauen Führers, Jaakob, der von der Himmelsleiter träumte und mit Gott rang und siegte, zeigt daneben noch Züge der Schlauheit und List (Spuren eines organisch fremden Ideals) auf, David, der Held und fromme Dulder-Dichter, wird einerseits mit „galanten" Zügen, anderseits mit einem rauhen, ja grausamen Kriegerwesen ausgestattet, 3- So ballt sich in der Legende das unbestimmte Wollen der Volkseele allmählich zur Religion, von der Tolstoj**) sehr richtig sagt: „Das Wesen der Religion liegt in der Eigentümlichkeit des Menschen, prophetisch den Weg des Lebens vorauszusehen und auf ihn hinzudeuten, den die Menschheit zubeschreiten hat; in einer Neubestimmung des Sinnes des Lebens, aus dem auch eine andere, die ganze zukünftige Tätigkeit der Menschheit hervorgeht. Die Fähigkeit den Weg vorauszusehen, den die Menschheit zu gehen hat, ist im größeren oder geringeren Grade allen Menschen eigen . . Die Legende ist daher nicht allein die zentralste Ausdrucksart der Volksseele, sondern auch die Stätte, wo das unbestimmte Denken und Wollen des Volkes sich zur Religion ballt, und die Fähigkeit aller Menschen „den Weg vorauszusehen" sich zusammenfindet, um jene Wenigen hervorzubringen, „in denen diese Fähigkeit mit besonderer Kraft sich offenbart'S und die all das klar und deutlich aussprechen, „was dunkel alle Menschen fühlen" (Tolstoj). „Wo ist die heilige Lade (an die das jüdische Volk kosmologische, nationale und Heils Vorstellungen knüpfte)? An ihre Vernichtung bei der Zerstörung des Tempels wollte das Volk nicht glauben, sondern erzählte in der Legende, Jere- *) Besonders auffallend in den Midraschim und in den Agadoth des Talmud. **) In seinem Buche: „Das Reich Gottes ist inwendig in Euch". 3