Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Zur Psychologie der Legende
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 475 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Psychologie der Legende 475 der Aufklärung, die große Bestimmung der befreienden Skepsis soll nicht verächtlich gemacht werden; ohne Skepsis kein Glaube, kein Denken! Skepsis bereitet den leeren Raum vor, in dem erst der Gedanke sich rühren kann; Skepsis erst setzt den Gedanken in Bewegung. Nur müssen uns die Grenzen der Skepsis immer gegenwärtig bleiben. Einst meinte sie im unbändigen Zerstörungsrausch alle Welten bis auf den Grund vernichtet zu haben. Als ob durch das Hinlenken der Aufmerksamkeit auf materielle Umstände das innere Leben alles transzendenten Denkens zusammenfallen müßte. Ein Wort kann in einzelne Buchstaben zerlegt werden; beansprucht eine solche Buchstabenanalyse, den tieferen Sinn des Wortes und seine innerste Seele erklärt zu haben? Die Abneigung gegen diese Übertreibungen darf nicht zur Ablehnung des wahren Gehaltes der Psychologie führen. Befreien wir uns nicht von dieser Furcht, so schadet dies nur unserer Erkenntnis. Der Geist ereignet sich nun einmal am Körper; ohne Schaden für die Erfassung des Geistes kann dies nicht übersehen werden. Wir sprechen uns darum für die psychologische Erschließung der genetischen Umstände der Religion wie für die der Kunst aus, die unser Auge für die ewigen und zeitlichen Elemente in der Religion und Kunst schärft; — solange uns nur gegenwärtig bleibt, daß die Psychologie und das „Werden" selber als Erscheinungen einzig in der Religion ihre Deutung finden können, wird dies weder der Wahrheit noch der Schönheit Abbruch tun. 2. An der Volkslegende*) arbeitet das ganze Volk mit; jeder einzelne Erzähler modifiziert den überlieferten oder von draußen übernommenen Stoff seinem eigenen Wesen gemäß, und aus Anpassungsnotwendigkeit, auch dem Wesen des Zuhörers entsprechend. Daher ihre Präzision und Wirkungsicherheit. In den verschiedenen Fassungen und Variationen werden die Volkslegenden immer und immer wieder gefeilt und nachgebessert; so daß sich in ihnen Charakter, Glaube und Streben des Volkes, überdies seine Fähigkeiten des Ausdrucks und Formgestaltung kristallisieren. Die Mitwirkung des Unterbewußtseins und des unbewußten Willens an der Schöpfung und Ausbildung der Volkslegende ist nicht zu bestreiten; dies macht sie um so wertvoller, weil sie uns Aufschlüsse gibt über das innerste Sein und Wollen der Volksseele, und auch das Unausgesprochene, sich selber Uneingestandene verrät. In der Legende, die von keinen Rücksichten auf die Wirklichkeit, auf die auferlegte Sittlichkeit und praktische Vernünftigkeit gebunden ist, lebt sich der eigentliche Charakter eines Volkes, wie der eines Einzelmenschen im Traum**), frei und ungehemmt aus. Ungebunden und rücksichtslos kommen *) Zwischen Mythus, Legende und Märchen ist m. E. kein wesentlicher Unterschied. Alle bisherigen Differenzierungsversuche der Theoretiker wurden den Tatsachen nicht gerecht; so gibt es in jedem Märchen „mythische** Elemente, wie in jedem Mythus „märchenhafte". Erst wenn diese Bezeichnungen nur auf gewisse Komponenten bezogen werden, hören sie, auf dogmatisch-willkürlichen Charakter zu haben. In diesen Aufzeichnungen wurde bei der Erwähnung der einen Bezeichnung sowohl an Mythus, Legende und Märchen, wie an Volkserzählung, Volksepos und Volksschwank gedacht. **) Sephardische Denker haben längst den Zusammenhang der Legende mit dem Traum erkannt. So Moscheh ben Majmon im Moreh, Abraham ben Majmon in seiner Abhandlung über die Agadah und Jizchak Abrabanel in seinem Bibelkommentar. Biblische Mythen und Legenden, die mit seiner geläuterten Sittlichkeit und Religion nicht in Einklang zu bringen waren, erklärt Abrabanel kurzerhand als Träume.