Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Moses Mendelssohn
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 473 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Moses Mendelssohn 473 Ein moderner Denker hat die treffende Bemerkung gemacht, daß die Sprache den Geist entdeckt habe. So geschah es auch hier. Der jüdische Geist konnte erst lebendig werden, nachdem der jüdische Mensch die geistigen Schranken durchbrochen hatte, die ihn von der Kultur der Umwelt trennten. Nichts aber war für diese geistige Emanzipation notwendiger als die Emanzipation der Sprache. Das waren die Motive, die Mendelssohn zu jenem Werk bestimmten, mit dem er am folgenschwersten in die jüdische Geschichte eingriff, zu der Bibelübersetzung. Es ist für Mendelssohn nicht weniger, wie für die Zeit bezeichnend, daß er die Anerkennung seiner Übersetzung des Pentateuchs, die zuerst herauskam, und an die sich in den Jahren 1773/1783 die Psalmen anschlössen, gegen die Angriffe des Gesetzesjudentums durchsetzen mußte und durchgesetzt hat. Im Lager des jüdischen Gesetzes wehrte man sich gegen die Bibelübersetzung, die den Weg zu den Problemen Europas bahnen mußte, weil man in ihr einen Vorstoß nicht sowohl gegen die Religion als solche, als gegen das Judentum in seiner Ganzheit erblickte, und man sträubte sich gegen das „Neue" mit derselben instinktsicheren Energie, wie einst gegen Maimonides und Spinoza. Die gleiche Aufnahme wie die Bibelübersetzung werden die Versuche Mendelssohns zu einer ersten Reform des Erziehungs- und Unterrichtswesens gefunden haben, die er bei jeder sich bietenden Gelegenheit anstellte, und die durch die pädagogische Wirksamkeit seiner Schüler Friedländer und Bendavid fortgeführt wurden. Die Sprache entdeckte den Geist, und der Geist ward wach. Der erwachte Geist aber stand am Scheidewege, er konnte sich selbst bejahen zu einer neuen Lebensordnung, er konnte sich in die Welt verlieren, wie einst in Alexandria. Mendelssohn hat den jüdischen Menschen an den Scheideweg geführt. Er hat die Grundlagen geschaffen für die geistige Emanzipation der Judenheit und die politische durch Wort und Schrift entscheidend beeinflußt. Auf seine Veranlassung schrieb Dohm seine berühmte Abhandlung „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden" (1781), und er selbst griff zur Feder, um in der Vorrede zu der auf seine Veranlassung ins Deutsche übersetzten „Rettung der Juden" des Manasse ben Israel*) den Angriffen zu begegnen, die sich nach Erscheinen der Dohmschen Schrift von allen Seiten gegen die Juden erhoben hatten. Mendelssohn hat die Emanzipation nicht vollbracht. Und doch trägt sie die Züge seines Geistes. Denn die Freiheit, die die Epigonen schließlich errangen, atmete den Geist des Überganges: in dem jüdischen Menschen wurde zunächst das Individuum frei, und es folgte daher eine zersetzende Assimilation, in der die Geschichte unseres Stammes sich aufzulösen drohte. Zur Erweckung aber des Ganzen im jüdischen Individuum bedurfte es dessen, was Mendelssohn und seiner Zeit völlig geschwunden war: der Erweckung des historischen Bewußtseins. „Das menschliche Geschlecht", sagt Mendelssohn, „ist als solches kein für sich bestehendes Wesen, Es besteht vielmehr aus einzelnen Menschen, die sich wie das Wasser in einem Strome aufeinander folgen, keinen Augenblick dieselben bleiben und dem Strome gleichwohl einen selbständigen Namen geben. Diese Sukzession von Wesen ist auch an und für sich einer Verbesserung fähig, die aber nicht so wie die Verbesserung der einzelnen Menschen ins Unendliche fortgehen kann. Ginge das menschliche Ge- *) Eine Neuausgabe ist in der oben genannten Serie der „Weltbücher" erschienen.